Von Ulrich Greiner

Ja, das wäre schön, wenn man, von der Leipziger Buchmesse kommend, einfach erzählen könnte, was es Neues gibt in der Literatur der DDR, welche neuen Autoren, neuen Tendenzen. Das geht nicht. Denn das literarische Leben in der DDR ist erstem kein Leben, sondern ein Siechtum, und zweitens ist es nicht bloß literarisch, sondern immer auch politisch, was bedeutet: Es unterliegt jenen Merkmalen der Arkanpolitik, die in unserem sozialistischen Nachbarstaat alles durchherrscht, also Intrigen, Gerüchten, Verdächtigungen, Repressionen, Geheimnistuerei. Journalismus in Leipzig zur Messezeit – das ist ein Stochern im Nebel.

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Am nebligsten ist es immer während der Pressekonferenz. Auf dem Podium sitzen die Herren in den dunklen Anzügen, sozialistische Steiff-Tiere. Statt des Knopfs im Ohr tragen sie das Abzeichen am Revers. Unten sitzen etwa zweihundert Journalisten. Die aus dem Osten erkennt man daran, daß sie freundliche Fragen stellen und die Antworten im voraus wissen. Die aus dem Westen erkennt man daran, daß sie unfreundliche Fragen steilen und keine Antwort kriegen. Das Ritual läuft immer so ab, daß der Diskussionsleiter jeweils fünf Fragen sammelt. Währenddessen haben die Herren auf dem Podium Zeit, untereinander auszumachen, wer von ihnen was antwortet. Man sollte nie zwei Fragen auf einmal stellen, weil sonst die leichte Frage ausführlich und langatmig, die heikle überhaupt nicht beantwortet wird. Zurückfragen ist nicht. Ein West-Journalist sagte mir, er sehe den einzigen Sinn dieser Veranstaltung darin, die Kollegen aus dem Osten über bestimmte Dinge zu informieren. Die erscheinen zwar nicht in der Zeitung, aber sie sind in der Welt. Es ist also umgekehrt: die Journalisten aus dem Westen antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat. In diesem Jahr fiel mir auf, daß die Herren auf dem Podium, getunter der stellvertretende Kulturminister Klaus Höpcke, sehr cool blieben, kaltschnäuzig und von jener gelassenen Aggressivität, die besagt: Wir haben die Dinge im Griff.

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Das haben sie. Es gehört Zum System, daß der Griff hier locker ist, damit er dort um so fester sein kann. Das Programm der Leipziger „Pfeffermühle“ des vielleicht besten deutschen Kabaretts, ist witzig und scharf wie immer. „Die Gedanken sind frei“, sangen die Kabarettisten, „also schweig und gedeih!“ – Wie kommt man zu einem festen sozialistischen Standpunkt? „Je öfter du umfällst, um so sicherer wird er sein.“

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