Von Gisela von Wysocki

Der Gemeißelte. Leslie Stephen, der Vater Virginia Woolfs, war ein Archivar der Siege. In seinem Bergbuch „Schauplatz Europas“ beschrieb er seine Gipfelaufstiege, erzählte er akribisch genau die Geschichte jedes bezwungenen Berges. Seine Berichte bilden ein Journal der bestandenen Abenteuer. Er widmet jedem Berg eine eigene Geschichte der Aneignung. Der bezwungene Berg ist der eroberte Raum; jeder Schritt ist ein Fortschritt. Der Bergsteiger und der Philosoph Leslie Stephen kennen den Triumph der Höhe, die Logik der Vertikalität. Als Bergsteiger bezwang er das Rothorn, das Eigerjoch, das Jungfrauenjoch, das Fiescherjoch; als Philosoph das Werk Spinozas, Hegels, Auguste Comtes und William Chaucers.

Die Dichtungen Virginia Woolfs sind Enzyklopädien wie die Werke des Vaters. Sie spiegeln das väterliche Universum; seitenverkehrt. In ihrem Spiegel zeigt sich, was der Vater nicht sehen kann. Der Vater fängt die geregelte Folge der Personen im Raum der Geschichte ein: zu seinen Hauptwerken gehörte ein biographisches Lexikon. Ihre eigene tanzende Schrift zeigt die Welt, Fraktur-Welt, als desorganisierten Raum des Lebens: abgefallene, bedeutungslose Alltäglichkeit. Im Schreiben des Vaters verwandelt sich die Wirklichkeit in Wahrheit. In den Büchern der Tochter, Streitschriften gegen die väterliche Ökonomie, bleibt das Szenarium ungeordnet. Es zeigt nicht väterliche Weltgeschichte, keine Helden, Ordnungen, sondern eine Welt, die von Amateuren besetzt ist. Zergliederte Räume, Details, Kulissen. Figurenstrom, der im Vordergrund treibt.

Die Schrift des Vaters, hat Tiefe und Hintergrund. Sie zieht ihn und die Wirklichkeit in sich hinein wie ein Schlund, der sich niemals schließen kann. Leslie Stephen schrieb während seiner Arbeit am „Dictionary of National Biography“ (eine Anthologie, die das Leben bedeutender Viktorianer so lange glättet und zum Exemplum stilisiert, bis es sich als Nationaleigentum betrachten läßt): „Das verdammte Ding verhält sich wie das teuflische Werk einer Maschine, immer begierig nach mehr Schrift. Ich stelle mir manchmal vor, daß ich davon eingesogen werde und in tausend Splitter zerberste.“ Über den Rand seiner Bücher schwärmten Esel und Eulen, wie die Tochter einmal schreibt; Zeichnungen, mit denen er während der Arbeit den unbedruckten Raum anfüllte.

Virginia Woolf hat in ihrem Roman „Die Fahrt zum Leuchtturm“ den Vater in der Figur des Mr. Ramsey zum analytischen Objekt gemacht. Sie zeigt ihn als einen Wissenschaftler, als einen Einsamen, als einen Bedeutenden, einen Sprecher des „Ewigen“. „Es war sein Schicksal, seine Eigenart, auf eine Landspitze hinauszukommen und dazustehen, allein wie ein vereinsamter Seevogel. Er besaß die Kraft, plötzlich alles Überflüssige abzuwerfen.“ Mr. Ramsey ist Bild, Imago des Vaters. Nur das Bild kann diese Vielfalt dulden: Dankbarkeit und Liebe der Tochter, Haß, Wut, Auflehnung. Die Dichtungen Virginia Woolfs arbeiten lebenslänglich an den Aufgaben, die das große sprechende, benennende Ich des Vaters stellt. In der Figur des Mr. Ramsey läßt sie ihn als Analysierten hinter sich zurück; verspätete, aufgeschobene Attacke der Tochter. Sie entmachtet ihn im Potpourri der Personen. Nach dem analytischen Kraftakt gewährte sie ihm nur noch die Rolle des „Zeitgenossen“, wie sie 1928 in ihr Tagebuch schreibt. „Ich mußte täglich an ihn und Mutter denken, aber durch die Arbeit am ,Leuchtturm‘ bannte ich sie in meinem Gedächtnis.“

Virginia Woolf kennt den Vater nur als Sprechenden oder Schreibenden: als jemand, der immer zu beten scheint. In ihren Augen verwaltet er die Geschichte wie ein Heiligtum, den eigenen Körper als Statue.

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