Von Gerhard Spörl

Er stand erst am Anfang seiner SPD-Karriere, als Freund und Feind schon feststellten: Dieser Oskar Lafontaine, Oberbürgermeister von Saarbrücken, ähnelt dem frühen Helmut Schmidt. Er sei, so befanden sie übereinstimmend, ebenso kühl und machtbewußt, aber auch genauso unduldsam gegen „Dilettanten und Laien“, die „von der Sache nichts verstehen“. Heute lacht Lafontaine über den Vergleich und wehrt ihn geschmeichelt ab: „Wenn dem so wäre, dann müßte ich ja jetzt so ungeduldig sein, wie es Schmidt angeblich 1974 war, ehe er Brandt ablösen durfte.“ Nein, Lafontaine ist erst 38 Jahre alt und hat keine Sorge, daß er seine Chance verpassen könnte; er läßt jedoch keinen Zweifel daran, daß er ganz genau wüßte, was zu tun wäre, um die SPD und die Weltgeschichte überhaupt aus der Misere herauszuführen.

Mit Macht hat sich der studierte Diplomphysiker auf das „Problem der Probleme“, die Militärpolitik, gestürzt und ist zum unerbittlichen Kritiker der sozial-liberalen Koalition avanciert. Oft genug ließ er wissen, was sie falsch sieht und macht. Das Gleichgewicht der Großmächte – ein notwendiges Ziel? Lafontaine hält dagegen: „Reagan und Breschnjew wollen, jeder für sich, doch nur nukleare Überlegenheit!“ Abrüstung als einzig sinnvolle Konsequenz? „Abrüstung hat es seit 1945 nie gegeben, immer wurde aufgerüstet!“ Realpolitik in diesem Sinne? „Das ist doch nur noch ein Ritual aus Drohgebärden, Schuldvorwürfen und unehrlichen Bilanzen!“ Für Lafontaine ist die sorgsam ausgewogene Bonner Politik längst zum Formelkram verkümmert – der Oberbürgermeister einer provinziellen Großstadt als Weltpolitiker.

Kein Wunder, daß diese herrische, Sicht der Dinge immer wieder Anstoß erregt. Schon -mehrmals mußte Lafontaine sich fragen lassen: Ob es ihm denn nicht zu denken gebe, daß er ausgerechnet in Moskau und Ost-Berlin gern und ausführlich zitiert werde? Der unbequeme Mahner vom Rande der Republik wollte sich deswegen kein Denkverbot auferlegen. Aber er hatte doch zu gerne den unvermeidlichen Verdacht aus der Welt geschafft, daß er und die ganze Friedensbewegung nur „nützliche Idioten“ seien. Deshalb nutzte er vorige Woche die Gelegenheit, zu zeigen, daß er stets und überall sagt, was er für das Richtige hält.

Erich Honecker hatte ihm einen sepktakulären Auftritt in Ost-Berlin verschafft. Lafontaine durfte seine Thesen in der Höhle des Löwen ausbreiten, im „Institut für Internationale Politik und Wirtschaft“, das dem SED-Zentralkomitee unterstellt und für „Agitation und Propaganda“ zuständig ist. Wichtiger noch: Danach konnte der umworbene Gast lange und ungezwungen mit Honecker („zwei Saarländer unter sich“) und anderen Parteigrößen plaudern. Sie alle, erzählt Lafontaine selbstbewußt, hätten ihm reserviert, aber keineswegs feindselig zugehört, wie er den „Wahnsinn der Rüstung in Ost und West“ anprangerte und dagegen jene Waffe empfahl, „die die Menschen leben läßt und nur das Kriegsgerät zerstört“: die Friedensbewegung in der Bundesrepublik und der DDR.