Von Bernard Dineen

Immer wieder hört Dineen Gerüchte über eine mögliche Wiedervereinigung. „Ob das alles stimmt oder nicht, ist zweitrangig. Wichtig scheint, daß manche Bürger bereit sind, es zu glauben. Ein Westberliner, dessen Schwester im Osten lebt und dort Mitglied der Kommunistischen Partei ist, faßte seine Einschätzung des wirtschaftlichen Erfolgs der DDR so zusammen: ‚Vor zwanzig Jahren wären 99 Prozent der DDR-Bürger in den Westen geflohen, wenn sie die Chance gehabt hätten. Heute würde ich diese Zahl bei 50 Prozent ansetzen, mit fallender Tendenz.‘

Die Häßlichkeit von Ostberlin, die dem westlichen Besucher ins Auge sticht, wirkt auf Berliner vollkommen anders: ‚Das hätten Sie mal früher sehen sollen.‘

Dies alles trifft zeitlich zusammen mit der Wiederentdeckung Deutschlands durch den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Bis vor kurzem war allein das Wort Deutschland schon suspekt. Jetzt reitet Friedrich der Große wieder Unter den Linden (er reitet in Richtung Polen, wie ein aufgeweckter Pole bemerkte). Die Geschichte wird neu überarbeitet, um Gestalten wie Luther wieder einzubringen. Ihre Freizeit verbringen viele DDR-Bürger damit, das bundesdeutsche Fernsehprogramm zu verfolgen. Parteifunktionäre, die über ausländische Währung verfügen, kaufen regelmäßig im Westen ein.

Ernstlich glaubt natürlich niemand an die Wiedervereinigung. Wahrscheinlich spielt das Regime in Ostberlin die deutsche Karte mit der Absicht, die westliche Solidarität zu unterminieren und die Moral im eigenen Volk zu stärken.

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Und die Alliierten? Dineen berichtet, die Rheinarmee gelte bei Militärs als „schlechter Scherz“, die Amerikaner verfügten zwar über hervorragende Ausrüstung, hätten aber Probleme mit der Moral und dem Ausbildungsstandard ihrer Soldaten. Meinungsumfragen böten keinen Nachweis für den angeblich weitverbreiteten Anti-Amerikanismus: 80 Prozent der Bundesdeutschen, führt Dineen an, seien dafür, daß ihr Land Mitglied der NATO bleibt.