Von Karl-Georg Faber

Als ein erster Versuch, ein Stück deutscher Geschichte an der „Idee“ einer freiheitlichgenossenschaftlichen Staatsordnung im Gegensatz zum monarchisch-bürokratischen Obrigkeitsstaat zu messen, erschien im Jahre 1950, unter dem Eindruck des Zusammenbruchs von 1945 und der sich anbahnenden Teilung Deutschlands, Heinrich Heffters monumentales Werk „Die deutsche Selbstverwaltung im 19. Jahrhundert“. Für die neuere deutsche Geschichtsforschung ist es merkwürdig folgenlos geblieben. Das erklärt sich möglicherweise aus seinem Untertitel: „Geschichte der Ideen und Institutionen.“ Denn unbeschadet häufiger Lippenbekenntnisse zum „Geist“ der Steinischen Städteordnung von 1806, die oft als Ausgangspunkt der deutschen Selbstverwaltung angesehen wurde und wird, behinderte der sich ausbreitende Gegensatz zwischen der politischen und der sozialgeschichtlichen Interpretation der deutschen Geschichte die Beschäftigung mit einem Thema, in dem beide Aspekte eng miteinander verknüpft sind.

Auch die gegenwärtig mit solchem Nachdruck geführte Debatte über den „deutschen Sonderweg“, also den von der westeuropäischen Entwicklung abweichenden Gang der deutschen Geschichte, nimmt von ihm kaum Notiz. Für sie scheint die deutsche „Selbstverwaltung“ – nicht „Selbstregierung“ im Sinne des angelsächsischen selfgovernment – eine über die untere Ebene des Staates nicht hinauswirkende quantité négliable gewesen zu sein. Dagegen hat jetzt Peter Blickle, Professor für Geschichte in Bern, eine interessante These gestellt. Danach war die Selbstverwaltung für die Zeit von 1300 bis 1800 eine nicht ganz chancenlose Alternative zur Entwicklung der deutschen Staatlichkeit. Der Gegensatz zwischen aktiver Obrigkeit und passiven Untertanen, herrschenden Klassen und ausgebeutetem Volk, der die deutsche Entwicklung nach vorherrschender Meinung kennzeichnet, verallgemeinert nach seiner Ansicht spätere Erklärungsmodelle und überträgt sie in unzulässiger Weise auf frühere Jahrhunderte. Das Buch ist nichts geringeres als ein Plädoyer für eine neue Interpretation der deutschen Geschichte:

Peter Blickle: „Deutsche Untertanen. Ein Widerspruch“; Beck Verlag, München 1981; 160 S., 28,-DM.

Nach Blickles Überlegung ist der servile und verantwortungsscheue Untertan, der im 19. Jahrhundert in zahllosen Flugschriften, Karikaturen und literarischen Äußerungen der demokratischen und sozialistischen Opposition – von Heinrich Mann bis Kurt Tucholsky – als Produkt und Gegenstand obrigkeitlicher Politik an den Pranger gestellt wurde, für das Deutschland vor 1800 ein Phantom. Obwohl das Wort häufig benutzt wurde, entsprach ihm die verfassungsmäßige und soziale Ordnung nicht. Blickle ersetzt den Ausdruck „Untertan“ deshalb durch den zeitgenössischen Begriff „Gemeiner Mann“.

Was ist der „Gemeine Mann“? Er umfaßte seit dem Spätmittelalter im weiteren Sinne die Bauern und Stadtbürger im Unterschied zu den privilegierten Ständen des Adels und der Geistlichkeit, im engeren Sinne die Bauern, genauer: die Inhaber eines bäuerlichen Hofes, die allerdings in der Regel kaum 20 Prozent der ländlichen Bevölkerung ausmachten. Dieser „Gemeine Mann“ war in der frühen Neuzeit nicht bloß „Objekt der Geschichte“. Er erscheint in den Quellen vielmehr als aktiver und oft erfolgreicher Träger eines gegen das feudale Herrschaftsprinzip gerichteten politischen Konzepts, das Blickle, weil es auf dem genossenschaftlichen Gemeindeprinzip beruht, „Kommunalismus“ nennt.

Dieses Prinzip ist in der Form der Integration der mit politischen Rechten ausgestatteten Gemeinden in die politisch-staatliche Verfassung, nicht zuletzt als Ergebnis bäuerlicher Revolten – Höhepunkt: der Bauernkrieg von 1525 – eine Konstante der deutschen Geschichte in der frühen Neuzeit der Geschichte gewesen, Blickle sieht darin „gewissermaßen einen dritten Weg jenseits der zu sehr als exklusiv betonten Alternative Reich-Territorialstaat, Kaiser-Landesfürst“ – einen Weg, der allerdings, wie er selbst vermerkt, im 17. und 18. Jahrhundert durch den fürstlichen oder bürokratischen Absolutismus abgeschnitten wurde.