Karlheinz Kleps: Lohnpolitische Konzeptionen und Vermögensbildung, Schriften zur monetären Ökonomie, Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden 1982,432 Seiten, DM 98,–

Wir sollten den Japanern dankbar sein, denn „ungleich eindrucksvoller und überzeugender, als das den Propheten im eigenen Land möglich gewesen wäre, ist es ihnen gelungen, vierzig Jahre nach Pearl Harbour mit ihrer neuen großen Offensive die Schwächen der alten Industrienationen aufzudecken“.

Dieser Satz, mit dem der an der Universität Linz lehrende Nationalökonom seine soeben erschienene Untersuchung über lohnpolitische Konzeptionen und Vermögenspolitik einleitete, klingt angesichts der Thematik zunächst überraschend. Doch wie der Autor nachweist, ist einer der wichtigsten Schlüssel zur Überwindung der Wirtschaftskrise, und der strukturellen Schwächen, unter denen heute alle westlichen Industrieländer leiden, eine auf die Probleme der achtziger Jahre zugeschnittene Verteilungskonzeption. Wenn wir aus der Sackgasse heraus wollen, in die die Stabilitäts- und Einkommenspolitik geraten sind, dann müssen vor allem die Gewerkschaften für eine Mitarbeit gewonnen werden, meint Kleps. Sie seien sogar in doppelter Weise angesprochen. Zum einen sei nämlich die notwendige Verstärkung der Investitionen auf Kosten des Konsums ohne eine entsprechende Lohnpolitik nicht zu verwirklichen. Zum anderen sei auch eine Korrektur der Vermögensverteilung (als Preis für Zurückhaltung bei den Löhnen) ohne ihre aktive Mitwirkung nicht vorstellbar.

Das Buch, das eine Bilanz der lohn- und vermögenspolitischen Diskussion zieht und die Konzepte für eine Weiterentwicklung des verteilungspolitischen Instrumentariums auf ihre Brauchbarkeit hin untersucht, hätte zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen können. Nachdem sich die Gewerkschaften jahrzehntelang in der Lohnpolitik an den alten und scheinbar bewährten Verhaltens- und Denkmustern orientiert haben, wächst heute in ihren Reihen die Erkenntnis, daß die traditionellen Methoden den neuen Problemen nicht mehr angemessen sind. Statt weiterhin allein um Lohnprozente, kleinere Veränderungen bei der Einkommensstruktur oder der Arbeitszeit zu verhandeln und ihr wichtigstes Ziel in der Erhöhung oder doch zumindest Erhaltung der Realeinkommen zu sehen, werden sich immer mehr Gewerkschaftsführer – in der Bundesrepublik Deutschland zunächst vor allem aus den Reihen der kleineren Organisationen – ihrer Mitverantwortung für die Sicherung der Arbeitsplätze und für das Schicksal der Arbeitslosen bewußt. Die Vorschläge, die in diesem Jahr aus den Reihen der IG Textil, der Gewerkschaft Nahrung und Genuß, der IG Chemie sowie der Angestellten-Gewerkschaft gekommen sind, sind dafür ein deutliches Zeichen.

In dieser Situation kann das Buch von Kleps mit seiner ausführlichen Darstellung der vorhandenen Konzepte und der damit gesammelten Erfahrungen für alle diejenigen in den Gewerkschaften (aber auch in den Arbeitgeberverbänden und aus dem Kreis der Politiker), die nach neuen Wegen in der Verteilungspolitik suchen, eine wertvolle Hilfe sein.

Karlheinz Kleps untersucht im ersten Teil seines Buches die lohnpolitischen Konzeptionen; im zweiten Teil schildert er die Strategien der Vermögenspolitik und ihre Problematik. Als grundlegende Konzeptionen der Lohnpolitik stellt er dabei die verteilungsorientierte, die strukturorientierte sowie die stabilitätsorientierte Variante dar. Der Verfasser kommt zu dem Ergebnis, daß nur mit Hilfe von Revisionsklauseln eine Lohnpolitik entwickelt werden kann, die einerseits Rücksicht auf gesamtwirtschaftliche Belange nimmt, andererseits aber auch für die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften sowie für die Arbeitgeber gleichzeitig große Vorzüge hat.

Im zweiten Teil der Untersuchung werden dann nicht nur die verschiedenen Konzepte betrieblicher, überbetrieblicher und staatlicher Förderung der Vermögensbildung bei Arbeitnehmern dargestellt und auf ihre Bewährung hin analysiert. Kieps stellt vor allem auch die Frage, welche lohn- und vermögenspolitischen Konzepte sich am besten für eine Integration eignen. Dieses Zusammenspiel muß nach Ansicht des Verfassers nämlich der Kern einer Strategie sein, die auf eine Rückkehr zu Wachstum und Vollbeschäftigung ausgerichtet ist. Das besondere Verdienst seiner Arbeit ist dabei, daß sie sich nicht im luftleeren Raum ökonomischer Theorien bewegt und damit zu Ergebnissen kommt, die für die praktische politische Arbeit ohne Bezug und damit ohne Bedeutung sind. Kleps bemüht sich vielmehr, auch die bestehenden Machtverhältnisse und die divergierenden Interessen in seine Überlegungen einzubeziehen.