Bunt

„Carneval der Göttinnen – Die Geburt der Erde“ von Vera de Figueiredo. Wenn die Kamera von der regennassen Straße langsam nach oben fährt und der bunte Karnevalszug immer näher rückt, kann man sich den Sambaklängen, dem Lärm, den rhythmischen Bewegungen nicht mehr entziehen: Karneval in Rio. die Filmemacherin freilich begnügt sich nicht damit, das Ereignis dokumentarisch festzuhalten. Sie fügt Sequenzen – getanzt von einer der zahlreichen Sambaschulen Brasiliens – ein, die von der Erschaffung der Erde handeln. Der Schöpfungsmythos, dem sie folgt, ist nicht brasilianischen Ursprungs. Sklaven aus Afrika brachten ihn in das größte Land des südamerikanischen Kontinents. Eine schöne Idee, Mythos und Wirklichkeit miteinander zu verbinden. Nur, erhellender wäre es gewesen, wenn Vera de Figueiredo sich ernsthafter auf den archaischen Kult eingelassen und die rituellen Tänze nicht nur als Shownummern aneinandergereiht hätte. So gelingt es ihr nicht einmal, die Tänze für sich selber sprechen zu lassen. Drei weißgekleidete schwarze Schönheiten tauchen an immer anderen Plätzen Rio de Janeiros auf, um in enervierendem Singsang die Schöpfungsphasen zu erklären. Vielleicht mag den Film, wer sich auf Massenveranstaltungen wohl fühlt, Sambarhythmen liebt und sich an Phantasiekostümen nicht sattsehen kann.

Anne Frederiksen

Moralisch

„Ist das nicht mein Leben?“ von John Badham. Ein „Krankenhausfilm“, der auf Tränen, Mitgefühl und zwei große Hauptdarsteller setzt: ein querschnittsgelähmter Bildhauer kämpft gegen seinen Arzt und die Krankenhausmaschinerie um seinen Tod. Er tut das mit wachem Verstand und ironischen Scherzen auf den Lippen. Nie mehr wird er seine Hände bewegen, nie mehr ein richtiger Mann sein können. Es geht um Sterbehilfe oder Lebenszwang, um Mensch gegen Maschine, um ein „derzeit viel diskutiertes Thema“ (Presseheft). Spannend wird es nur, wenn der Patient Richard Dreyfuss und der Arzt John Cassavetes aufeinandertreffen: Der Stärkere will dem Schwächeren seinen Willen aufzwingen, nicht die besseren Argumente, sondern die Macht zählt; ein Kampf zwischen zwei ehrlichen Männern, wo der Unterlegene sich am Ende als fairer Verlierer erweist. Manuela Reichart

Schwelgerisch

„Die Geliebte des französischen Leutnants“ von Karel Reisz. Karel Reisz, der in den fünfziger Jahren der Free-Cinema-Bewegung in England angehörte, die vor allem die „Bedeutung des Alltags“ zu fördern, lebende Personen und wirkliche Schauplätze zu beschreiben suchte, blickt in seinem neuesten Film zurück in das 19. Jahrhundert, die Blütezeit des englischen Bürgertums unter der matronenhaften Königin Viktoria. Kein Blick zurück im Zorn, eher ein schwelgerisches Eintauchen in die viktorianische Ära, in der Heuchelei und Prüderie seltsame Blüten trieben, gar einen „Family Shakespeare“ hervorbrachten, aus dem alles Anstößige getilgt war. Schlechte Zeiten für eine unstandesgemäße Liebe, die – wer wollte da nicht den Sturm der Leidenschaft vorausahnen – auf einer von hohen Wellen umtosten Hafenmole beginnt. Bis zum glücklichen Ende freilich müssen Charles Smithson (Jeremy Irons), ein angesehener Paläontologe, und Sarah Woodruff (Meryl Streep), eine arme, kunstbegabte und in Verruf geratene Melancholikerin, drei Jahre warten. Karel Reisz versagt es sich nicht, romantische Stimmungen durch Geige und Klavier und verwunschene Landschaftsbilder heraufzubeschwören. Er läßt große Worte und Gefühle zu, die sich nahe an der Grenze zum Kitsch bewegen und die man dennoch ertragen kann. Vermutlich deshalb, weil der Film immer wieder durch die Rahmenerzählung von den Dreharbeiten unerbrochen wird und man so Fiktion als Fiktion begreift.