Von Friedhelm Gröteke

Der Textilverband verkündete die Nachricht als Triumph: „Italien hat im vergangenen Jahr einen Überschuß von mehr als zehn Milliarden Mark im Außenhandel mit Textilien erzielt und für mehr als fünf Milliarden Mark Bekleidung exportiert.“ Damit verwies das Land die Bundesrepublik auf den zweiten Platz. Unter „ferner liefen“ rangiert Paris, einstmals das Zentrum der Mode, das heute mehr Bekleidung importiert als ausführt.

Italiens Welterfolg im Geschäft mit der Mode kommt nicht von ungefähr. Seitdem sich Mailand innerhalb weniger Jahre zum neuen Modemittelpunkt des Landes gemausert hat, bleibt eine neue Generation von Designern, Architekten, Organisatoren, jungen Unternehmerinnen und Werbeagenten den Zeit-Trends auf den Fersen.

Die Konkurrenz ist hart: Jedes Jahr tauchen neue Namen am Himmel der oberen zwei, drei Dutzend Modestars auf. Obwohl fünfhundert italienische Bekleidungshersteller vor der Pleite stehen und im letzten Jahr einschließlich der schwerfälligen textilen Staatsbetriebe 30 000 Beschäftigte aus dem Arbeitsprozeß hinausflogen, bricht die Branche immer neue Absatzrekorde. Auf sechzig Milliarden Mark wird der inländische Textilumsatz für das vergangene Jahr geschätzt. Das sind mehr als tausend Mark je Italiener.

Was weder den betulich feinen Modeschöpferinnen Roms, noch den exaltierten Florentinern gelungen ist, haben die neuen Mailänder Modemacher in einem Anlauf geschafft: nämlich das Monopol der Pariser Haute Couture zu brechen. Ihr Rezept besteht darin, daß sie Mode nicht in endlosen Riten um die Bekleidung von Mann, Weib und Kind erschöpfen, sondern daß sie möglichst umfassende Stilsysteme entwickeln.

Diese Tausendsassas der Formen und Farben rüsten vom Polarfahrer bis zum Tropenfan jedermann mit Garderobe, dem notwendigen Duft, Stock und Hut bis zum „richtigen“ Koffer aus und schrecken auch nicht vor einer Zusammenarbeit mit Fiat oder Alfa Romeo zurück, wenn es sich darum handelt, stilistische Beratung anzubieten. Nur konsequent: Auch die Spezialisierung auf Damen- oder Herrenmode wird häufig rückgängig gemacht. Schon behauptet die Damenmodeschöpferin Laura Biagiotti, daß sie die erste Frau der Zunft sei, die Hand an den Mann gelegt hat: mit einer soeben in Mailand präsentierten Herrenkollektion.

Milanovendemoda („Mailandverkauftmode“) heißt mit einem einzigen langen Wort das Eldorado der 1500 Aussteller, 1000 Mannequins und zigtausend Fachbesucher, das soeben für viele mit einem „alles ausverkauft“ endete. Dabei machte der neue italienische Modezar Giorgio Armani gar nicht mehr mit. „Bei einem Umsatz von 320 Millionen Mark habe ich keine Zeit mehr, auf den Laufsteg zu gehen und Diva zu spielen“, ließ der ungekrönte „Kaiser des Herrenjacketts“ verlauten. Wer bei Armani bestellen will, muß schon in seinem Büro um Audienz bitten.