Der Erzähler und Lyriker Hugo Dittberner

Von Michael Buselmeier

Der promovierte Germanist Hugo Dittberner hat als gelegentlicher Rezensent oft gerade Arbeiten vorgestellt, die Gattungsgrenzen sprengen (Rolf Dieter Brinkmanns „Rom, Blicke“, Peter Handkes „Kindergeschichte“), scheint als Erzähler indes an Prosaformen des 19. Jahrhunderts orientiert, primär um harmonische Handlungsführung und altmeisterliche Dialogregie bemüht. Ein Idylliker, zeitfern, begabt, dem klassisch vorgebildeten Leser ein paar unterhaltsame Stunden zu bereiten?

Dem widerspricht das Buch, mit dem Dittberner als Dreißigjähriger 1974 debütierte. „Ich sitze vor dem Kaffeetisch auf dem Sofa. Rechts der Teller mit dem Kuchen und die Kaffeetasse, links die Schreibmaschine mit einem eingespannten Blatt.“ So beginnt – scheinbar unprätentiös – „Das Internat“. Der Erzähler, mit dem Autor Dittberner identisch, erinnert sich, von umständlichen Reflexionen auf die Schwierigkeiten des Schreibens immer wieder unterbrochen, beim Durchsehen alter Papiere und Gegenstände an Kindheit und Jugend im evangelisch-lutherischen Schülerwohnheim in Bad Nenndorf: an zwei Kameraden, die im Heim ausgerissen waren und deren Fluchtweg er verraten hatte; an die Wirren der Pubertät und die erste große Liebe; an ein synthetisches Leben, bestehend aus Schallplatten, Abenteuerromanen und Hitparaden.

Es ist ein Buch der Selbstvergewisserung. Denn Dittberner fühlt sich auf Grund der abstumpfenden Heimerziehung zeitweise als „Mann ohne Eigenschaften“, ohne Heimatgefühl und Solidaritätserfahrung, aufgewachsen in einer bedrohlich geschlossenen Welt, wo man nie für sich ist, gezwungen zur „Heuchelei, die wie Aufrichtigkeit“ aussieht. Gegen solche Bedingungen muß das Schreiben – als Orientierungsweg und Akt der Befreiung – erst einmal durchgesetzt werden.

Dittberner spannt ein Netz der Erinnerungen auf „mit vielen Lichtbrechungen und häuslichen Gerüchen, die daherwehen, mit Sätzen und Wortfetzen, die ich zu meinem willkürlichen Gedächtnis zusammenbaue, und Bildern, überscharfe und verschwommene Bilder“. „Authentisch“ sind die Sätze und Bilder nur auf den ersten Blick. Was ist „wahr“ an den versprengten Erinnerungen, welchen Gefühlen darf man vertrauen? Haben sie sich nicht spätestens im Prozeß des Vergegenwärtigens und Schreibens in etwas ganz und gar Künstliches verwandelt? Indem Dittberner seine Erfahrungen prüft, gewinnt sein Buch, jenseits des harmlosen Nacherzählens von Schulerlebnissen, an Wahrhaftigkeit und Ernst.

Der Suchbewegung des Autoren nach dem, was einmal war, entspricht eine assoziative, abgerissene Schreibweise, ein häufiges Abschweifen von der Erzählebene, ein Bericht in Episoden. Die konventionelle Romanform kann so nicht gelingen. Einmal denkt Dittberner über die Gattungen „Tagebuch“, „Autobiographie“ und „guter alter Roman“ nach und rechtfertigt, irgendwo dazwischen, sein „Erinnerungsbuch“. Aber das Unbehagen – fast ist es schlechtes Gewissen –, nicht „in Ruhe“ wie Fontane oder Storm eine „richtige“, abgerundete, Vergnügen bereitende Erzählung schreiben zu können, bleibt. In der Folge hat Dittberner von mutiger Form- und Weltzersplitterung Abstand genommen und sich dem herkömmlichen, „gestaltenden“ Erzählen angenähert.