Von Klaus Viedebantt

Wie Rabenschwärme hocken sie nachmittags an den Straßenecken herum, in Tokio wie in den Provinzstädten: Japans Schüler in ihren tristen schwarzen Schuluniformen. Die Zeitungen sind voll von ihnen, die Schlagzeilen sprechen von Vandalismus, Bandenwesen und Gewalttätigkeiten gegen die eigenen Lehrer. Diese für die japanische Öffentlichkeit völlig überraschende Jugendkriminalität hat einem ohnehin schon heftig diskutierten Thema neue Vorzeichen gegeben: „Erziehung in Nippon“. Ist die bisherige Ansicht noch richtig, Erziehung habe einen Menschen zu einem nützlichen, vor allem aber funktionierenden Teil der japanischen Gesellschaft zu machen?

Wie so oft, wenn es vor Probleme gestellt ist, blickt Japan ohne falschen Stolz ins Ausland, sucht, was in überseeischen Erziehungssystemen für den eigenen Nutzen zu übernehmen ist. Bezeichnend für den hohen Respekt, den der fernöstliche Inselstaat immer noch deutschen Bildungsgütern zollt, daß zu diesem Zeitpunkt erstmals Lehrer aus der Bundesrepublik in ein bereits seit einigen Jahren bestehendes Pädagogen-Austauschprogramm hineingenommen werden.

Die erste deutsche Lehrergruppe war jetzt in Japan, um während einer Studienreise gemeinsam mit Delegationen aus Großbritannien, Australien und Neuseeland Bildungseinrichtungen kennenzulernen. Die deutsche Gruppe bestand aus elf Bildungsexperten, Berlin und die Bundesländer hatten je einen Pädagogen abgestellt.

Die Einladung aus Tokio traf zu einem Zeitpunkt in Bonn ein, da Nachrichten und Informationen über Japan hierzulande hohe Konjunktur haben. Der rohstoffarme Inselstaat, der die Bundesrepublik als technologische Großmacht verdrängt hat, ist zwar ein Standardthema der Wirtschartspresse geworden, auch in der politischen Berichterstattung findet Japan zunehmend Raum. Aber die Hintergründe dieser erstaunlichen Entwicklung sind bislang nur unzulänglich ausgeleuchtet. Japans Erziehungssystem war hierzulande kein Thema. Sollte ein Bildungsprogramm, das binnen eines Vierteljahrhunderts ein Volk aus dem Nichts in die Spitzengruppe der Welthierarchie katapultiert hat, für den Westen nichts zu lernen bieten?

Japan hat eine neunjährige Schulpflicht (sechs Jahre Grundschule und drei Jahre Mittelschule), dieser Ausbildungsteil ist kostenlos. Der Mittelschulabschluß berechtigt zum dreijährigen Gymnasialbesuch oder zum vierjährigen Studium an Fern- und Abendgymnasien. Die Gymnasialabschlüsse öffnen den Zugang zu Universitäten und Hochschulen. Geprägt wird diese Struktur von einer für das ganze Land typischen Ausbildungsbesessenheit: Ziel ist es, möglichst renommierte Gymnasien und Hochschulen zu besuchen, da deren Abschlüsse die besten Aussichten eröffnen, von großen und prestigeträchtigen Unternehmen angestellt zu werden.

Das hat ein rigides Auslesesystem bewirkt, in dem wenige Prüfungen über ein ganzes Leben unterscheiden. Ziel der Eltern ist es, ihre Kinder durch dieses System möglichst weit nach vorn zu pressen (95 Prozent aller Mittelschüler gehen auf das Gymnasium). Dafür wird ein großer, oft ein Zu großer Teil des Familieneinkommens aufgewendet. Manchmal werden die Kinder schon in spezielle und teure Kindergärten gesteckt, damit sie dort auf die Aufnahmeprüfung der besser angesehenen Grundschulen vorbereitet werden, dieses Verfahren setzt sich entsprechend fort bis zur Universitätsaufnahmeprüfung. Generell kann man davon ausgehen, daß fast alle Gymnasiasten in Abend- und Wochenendschulen zusätzlich für die Examina büffeln.