Vom Buchhändler bis zum Restaurant – alle wollen am toten Dichterfürsten verdienen Ein toter Dichter läßt die Deutschen derzeit nicht ruhen. Wer immer dazu eine Gelegenheit sieht, versucht, mit Johann Wolfgang von Goethe anläßlich dessen 150. Todestages am 22. März ins Geschäft zu kommen.

Goethes Geburtsstadt Frankfurt veranstaltet bis Ende dieses Jahres mehr als hundert Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen zu Ehren des großen Toten (Kosten für die Stadt: 300 000 Mark); das Kasseler Naturkunde-Museum Ottoneum wirbt mit seinem „Goethe-Elefanten“, an dessen Skelett der Poet naturwissenschaftliche Studien trieb; die deutschen Fernsehanstalten erinnern in den nächsten Wochen mit 21 Sendungen an den „Dichterfürsten“; Bilder-Blätter von der Hörzu bis zur Bunten füllen ihre Spalten mit Goethe-Lexikon und Goethe-Frauen (Bunte-Chefredakteur Hubert Burda: „Jetzt... gewinnt die Stimme eines ‚konservativen‘ wie Goethe wieder Gewicht“), und Restaurants wie das „Graue Haus“ in Oestrich-Winkel, das einst an Goethes Weg lag, lockt Gäste mit Gerichten, „die nach Originalrezepten schon im Hause von Geheimrat Goethe verwendet wurden“.

Eine besondere Attraktion hatte sich der Hessische Rundfunk ausgedacht. Am vergangenen Sonntag taufte er seinen zweiten Hörfunk-Kanal in „Radio Goethe“ um („Das muß einem erst einmal einer nachmachen, 150 Jahre tot zu sein“) und sendete siebzehn Stunden lang nur Goethesches – Gedichte, Szenen aus beiden „Faust“-Teilen sowie Berichte über eine Goethe-Rallye durch Hessen und einen Schauspielwettbewerb zwischen zwei Goethe-Gymnasien in Frankfurt und Wetzlar. Die Frankfurter entwickelten sogar den Ehrgeiz, mit ihrem Goethe-Marathon ins Guiness-Buch der Rekorde aufgenommen zu werden: Von sieben Uhr früh bis zwölf Uhr abends ließen sie, unter der Aufsicht eines Notars und eines Arztes, in der B-Ebene der Frankfurter Hauptwache den Schauspieler Wolfgang Kaven fast nonstop aus der dickleibigen Goethe-Bibliographie vorlesen.

Sollte der HessischeRundfunk bei einem neuerlichen Goethe-Gedenkdatum auf die Idee kommen, die Gewalttour zu wiederholen, wird die Liste der Werke von und über den Dichter noch erheblich länger sein. Denn zum diesjährigen Jubiläum produzieren nicht nur die traditionellen Klassiker-Verlage wie Artemis, C. H. Beck, Hanser und Insel, sondern auch alle möglichen Außenseiter nur so darauf los – als ob, wie das Fachorgan Börsenblatt für den deutschen Buchhandel schrieb, „dem deutschen Lesepublikum im März nichts nähersteht, als die Buchhandlungen von der Flut der Goethe-Bände zu befreien“. Das Blatt veröffentlichte die Karikatur eines Ehepaares, das für seine „ganz moderne Bibliothek“ bei jedem deutschen Verlag die jüngste Neuerscheinung bestellt hatte und vom Boden bis zur Decke mit Goethe-Literatur versorgt wurde.

Das Angebot an noch lieferbaren und neu edierten Ausgaben ist ebenso vielfältig wie – für den Laien – schwer überschaubar. Wer beispielsweise seine Bibliothek um Goethes gesammelte Werke vermehren will, muß schon genau hingucken. Die Auswahl reicht von der 143bändigen „Sophien-Ausgabe“ in Kunstleder zum Preis von 6400 Mark (Niemeyer-Verlag) über die 24bändige Artemis-Edition für 980 Mark, die 14bändige, völlig überarbeitete und kommentierte „Hamburger“ Ausgabe bei C. H. Beck für 385 (Leder 950) Mark, die „Hamburger“ im Taschenbuch bei dtv für 198 Mark und die bei Phaidon erschienene Cotta’sche Ausgabe für 498 Mark bis hin zu zwölf Bänden ausgewählter Werke aus dem Ostberliner Aufbau-Verlag (102,30 DM) und ähnlich beschränkte Publikationen westdeutscher Häuser, Sogar das „Quelle“-Versandhaus will im Goethe-Jahr am Ruhm des Allround-Künstlers verdienen. Bei den Fürthern ist eine 22bändige Cotta-Ausgabe mit rund 26 000 Seiten Goethe für 398 Mark zu haben.

Wer sich heute noch nicht entscheiden kann, hat auch später noch eine Chance: Schon jetzt ist bekannt, daß der neu gegründete, zu Suhrkamp/Insel gehörende Deutsche Klassiker-Verlag in Frankfurt ab 1985 mit einer 40bändigen Goethe-Sammlung und der Hanser-Verlag in München zur gleichen Zeit mit einer 21 bändigen Edition auf den Markt kommen werden,

Auch en detail wird des Dichters Werk massenhaft vermarktet. Neben bewährten Bänden wie dem Reclam-„Faust“, den der Verlag jährlich in 75 000 Exemplaren vor allem an Schüler, Studenten und Theaterbesucher verkauft, gibt es eine Fülle von Neuerscheinungen – als preiswertes Taschenbuch wie als teures Faksimile,