Sendungen der ARD und des ZDF am 22. März zum Gedenken des 150. Todestages von Johann Wolfgang von Goethe.

Mit Goethe werden die Deutschen bis heute nicht fertig: im stern eine kleine, dümmliche Rempelei, im Fernsehen ein den Nachmittag und Abend fast füllendes, teils hochgestimmtes und hochfliegendes, teils kokettes und sich anbiederndes Programm auf beiden Kanälen, nicht zu reden von den dritten Programmen und Rundfunkstationen. In Frankfurt, der Geburtsstadt, hält Leo Löwenthal, ein Frankfurter, der durch die Nazis zum Emigranten und Amerikaner wurde, eine gescheite, betroffen machende und dennoch verständliche und oft witzige Rede. In Weimar schleppen Soldaten der Volksarmee verbissen Kränze ans Grab, als sei der Militär Goethe soeben verblichen, liest Kultusminister Hoffmann, ein Mann im Preisboxerformat, stotternd, schwitzend und mit Leichenbittermiene Sätze ab, in denen der Arbeiterbewegung die stete Liebe zur Klassik und Goethe die tätige Arbeit an der Entstehung eines sozialistischen Bewußtseins bestätigt wird.

Das nie zustande gekommene historische Bewußtsein und den Mangel an Tradition hatte Leo Löwenthal als die Crux der Deutschen im Umgang mit Goethe und schließlich auch mit sich selber genannt. Goethe, der Kronzeuge, der Prügelknabe, die Ersatzreligion, die Lebenshilfe, mal auf ultramoderne Stromlinie gebracht, mal zum alten Eisen geworfen: Das sind die Rollen, in die er gezwängt wird. Demgegenüber zeichnete Löwenthal das Bild des Denkers und Neinsagers, ohne den, wie er feststellte, die Geschichte des kritischen Bewußtseins nicht vorzustellen sei, des Weltbürgers mit dem historischen Bewußtsein, der das falsche Kollektiv ebenso ablehnte wie die falsche Subjektivität, der den Segen des bürgerlichen Fortschritts mit seinem „Taumel von Erwerben und Verzehren“ ebenso gefährlich fand wie den Dilettantismus der Pfuscher. Daß eine subjektive Epoche auch eine rückschrittliche sei, hatte Goethe zu Eckermann gesagt.

Eine kluge Rede und dann ein großes Potpourri: Unter dem Titel „Heute: Goethe“ hatte der Hessische Rundfunk eine Sendung gemacht, die von der guten Absicht getragen war, „sich Goethe unbefangen zu nähern“. Die gute Absicht als plumpes Mißverständnis, wie sollte es anders sein, insgesamt deprimierenden Folgen (seit wann eigentlich kann man sich einem hochkomplizierten Thema unbefangen nähern?). Eine total verzettelte Nummernshow wurde abgezogen, von outrierten Einfällen und Kameratricks zersetzt, in der es etwas Lebenslauf gab und Konrad Lorenz mit Vogelgezwitscher im Hintergrund; einen Männerchor und Karteikästen des Goethe-Wörterbuches; Goethe-Sprüche auf dem T-Shirt, leicht schwellend über einer Mädchenbrust, die Verfilmung des Gedichtes „Das Tagebuch“ (zur Information: Hier spielt ein passiver Penis die Hauptrolle) und Künstler von heute mit Werken zu Goethe; zahllose gipserne Goethebüsten jeden Formats, aufrecht, schwankend, herrisch, lächerlich; rekonstruierte Goethe-Feiern im Kostüm, Gesamtausgaben drapiert als Berg oder Spirale. Es gab schöne Augenblicke in diesem Potpourri: als Rudolf Hausner seinen Bildbeitrag erläuterte, als Qualtinger Karl Kraus zitterte, es gab auch interessante Texte, einige der historischen Reden zum Beispiel. Aber weil alles vorkommen mußte, kam nichts richtig vor, fiel alles auseinander, ertrank in der wirbelnden Pappdekoration.

Neben dem Versuch, Goethe mit Stumpf und Stiel zu illustrieren, dann der Versuch, eine seiner großen Visionen zum Leben zu bringen: Bernhard Minetti als „Faust“, eine Fernsehfassung, die am Abend der Berliner Premiere übertragen wurde. Minetti spielt den Faust, als sei’s eine Figur von Beckett, ein Greis mit scheppernder Stimme von Anfang an, ausgebrannt und voller Lust.

„Er gehörte zu keiner Innung, blieb Liebhaber bis ans Ende“, hieß es in den „Zahmen Xenien“, aus denen am Anfang eines langen Fernsehtages in der Paulskirche vorgelesen wurde. Petra Kipphoff