Großes Abenteuer an der Freien Volksbühne Berlin. Gegen ein unduldsames, mit Zwischenrufen störendes Premierenpublikum inszeniert Klaus Michael Grüber am Abend von Goethes 150. Todestag „Faust“ als faszinierend neu gesehenes, Widerspruch weckendes Theaterstück für fünf Rollen, in Wahrheit eine Person: Bernhard Minetti als Faust.

Vor Jahren hatte Grüber für und mit Minetti Becketts Ein-Personen-Stück „Krapps letztes Band“ inszeniert, in dem sich ein alter Mann, auf Tonbändern, verschiedene Stadien der eigenen Vergangenheit vorspielt. Jetzt heißt Krapp: Faust – und immer: Minetti. Goethes Welttheater wird zum Kopftheater, das Hundert-Personen-Stück zum Monodram, das Dialog-Stück (mit berüchtigten Massenszenen und Volksaufläufen) zum Selbstgespräch mit verteilten Rollen. Auch die Gattungsbezeichnung nimmt der Regisseur ernst: Nach Komödien- und Folklore-Fäusten sehen sehen wir, was Goethe verlangt – eine Tragödie.

Das Spiel wird entfaltet aus dem vom Intendanten Kurt Hübner vorgelesenen Motto-Gedicht „Zueignung“, in dem von „Wahn“, von „Schatten“ die Rede ist und davon, daß Verschwundenes wirklicher sein kann als vermeintlicher Besitz. Das ist die Formel zu Grübers Theater der Erinnerung. Wir sehen ein Traumspiel: Fausts Visionen auf die Bühne projiziert. Was wir als Dialoge lesen, ist innerer Monolog eines verzweifelnden Menschen. Szenen wie im Schattenspiel, vor flackerndem Feuer, im Kerzenlicht, im Halbdunkel, zögernd, leise sich erinnernd.

Obwohl vieles fehlt: kein Gefühl des Mangels. Eine Exkursion in das nie zu ergründende „Faust“ -Labyrinth. Kritischer Expeditionsbericht in der nächsten Woche. Rolf Michaelis