Von Michael Jungblut

Wo vor zwei Jahren noch wildes Gedrängel herrschte, ist heute oft gähnende Leere. Zwar versucht die Dresdner Bank immer noch, mit Sprüchen wie „Goldgeschenke sind immer beliebt und langfristig wertbeständig“, Kunden in ihre Filialen zu locken. Doch das Interesse an den „goldenen Geschenkideen“ der Bankiers in Form von Münzen und Barren hat nachgelassen. Das Vertrauen in die Wertbeständigkeit des gelben Metalls ist bei vielen kleinen Spekulanten und Anlegern ebenso rapide gesunken wie sein Preis: Die Unze Gold, für die vor zwei Jahren bis zu 850 Dollar bezahlt wurden, war zu Beginn dieser Woche nur noch 314 Dollar wert.

Wer sich von der wildesten Spekulation des letzten halben Jahrhunderts hatte mitreißen lassen und im Januar 1980 noch Gold gekauft hat, mußte erleben, wie aus der vermeintlichen krisensicheren Geldanlage eine ausgesprochene Kriseninvestition wurde. Neben einem Wertverlust je Unze von rund fünfhundert Dollar (über sechzig Prozent des eingesetzten Kapitals) müssen nämlich oftmals nicht nur Spesen, Lagerkosten, Versicherungsgebühren und Mehrwertsteuer berücksichtigt werden, sondern vor allem auch ein beträchtlicher Zinsverlust. Da kommt dann leicht noch einmal ein entgangener Gewinn von 170 bis 200 Dollar zusammen.

Über die Gründe des Preisrückgangs wird heute ebenso gerätselt wie über die Ursache der wilden Preissprünge Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre. Die Welle der weltweiten Goldspekulation, die sich gegen Jahresende 1979 geradezu überschlug, hatte sich zunächst über Jahre und Monate, dann aber nur über Wochen und Tage in immer rascherem Tempo aufgebaut. Der Goldpreis durchbrach dabei in immer kürzeren Abständen eine „Schallmauer“ nach der anderen, übersprang „psychologische Hürden“, die Experten oft nur Wochen oder auch Tage zuvor noch als kaum überwindlich bezeichnet hatten.

Nachdem der Preis für das „barbarische Metall“, wie es der große britische Ökonom John Maynard Keynes einmal genannt hat, 1973 zum erstenmal die Grenze von hundert Dollar je Unze (31 Gramm) übersprang, brauchten die Goldspekulanten fünf Jahre, um ihn auf über zweihundert Dollar zu bringen. In nur einem weiteren Jahr trieben sie die Unze dann auf dreihundert, in weiteren vier Monaten auf vierhundert Dollar. Dann durcheilte der Goldpreis die Hundert-Dollar-Marken innerhalb von Wochen und schließlich nur noch von Tagen. Als am 3. Januar 1980 die Goldnotierung 624 Dollar erreichte, bedeutete dies einen doppelten Rekord. Es war nicht nur der bis dahin höchste Preis, sondern auch der größte bis dahin je registrierte Preissprung innerhalb von 24 Stunden: Die gleiche Unze Gold, die zehn Jahre zuvor noch für 35 Dollar zu haben war, kostete von einem auf den anderen Tag 75 Dollar mehr.

Das wäre vielleicht nicht passiert, wenn den „Gnomen von Zürich“ nicht die Hände gebunden gewesen wären. Die großen Schweizer Banken konnten nämlich tagelang nicht regulierend in den Markt eingreifen. „Wegen der Feiertage gegen Jahresende waren wir in Zürich zweimal fünf Tage weg“, klagte Walter Frey, Generaldirektor des Schweizerischen Bankvereins und größter Goldhändler der Welt damals. „Und die Comex, die New Yorker Warenterminbörse Comodity Exchange, macht oft üble Sachen, wenn man sie allein läßt. Auch Hongkong ist ein überaus spekulativer Platz, der zu Exzessen neigt.“

Doch ob mit oder ohne Zutun der großen Schweizer Banken – der Metallpreis machte auch in den Tagen nach ihrer Rückkehr ins goldene Geschäft wilde Sprünge und erreichte am 21. Januar mit 850 Dollar für 31 Gramm seinen bisher höchsten Stand.