Tübingen

Nicht zu Unrecht sagt man den Schwaben eine besondere Eigenschaft im Sparen nach. Deshalb sollte auch nicht voreilig über die Nachricht gelacht werden, daß man im Tübinger Regierungspräsidium neuerdings einen Mercedes vom Typ Pullman als Sparmobil einsetzt. Zwar ist der Anschaffungspreis von knapp vierzigtausend Mark bereits Rechnungshof-verdächtig, dafür lassen sich aber in der Luxuskarosse gleich acht Beamte auf einen Sitz transportieren – und dazu noch standesgemäß mit Chauffeur.

Die Auflösung des Rätsels, wie man mit einem teuren Auto billiger fährt, muß ausführlich erklärt werden, da der normale Behördenmercedes (240 D) für wesentlich weniger Geld zu bekommen wäre. Dazu Regierungsdirektor Max Lohmiller, der für Haushaltsfragen zuständige Mann im Tübinger Präsidium: Bisher seien für die zahlreichen Dienstfahrten der termin- und reisegeplagten Beamten viersitzige Fahrzeuge eingesetzt worden. Mit dem Pullman könne man künftig die doppelte Anzahl von Passagieren befördern.

Um die Fahrten zu koordinieren, wurde ein regelrechter Liniendienst organisiert: Zweimal pro Woche rollt der Achtsitzer in Richtung Ulm/Donau, je einmal geht’s ins östliche und westliche Bodenseegebiet. Entsprechend müssen die Beamten ihre Termine in Rathäusern und staatlichen Außenstellen vorplanen. Sollte der Herr Regierungsrat X. im oberschwäbischen Bad Waldsee früher fertig sein als sein Kollege Regierungsdirektor in Ravensburg, dann muß er eben in einer stillen Ecke einer Dorfgaststätte die hoffentlich von zu Hause mitgebrachten Akten studieren. Zum Glück reicht das Volumen des Pullman-Kofferraums für zusätzliche Aktenberge aus.

Morgens, wenn der blaue Pullman mit dem Kennzeichen TÜ – 20 auf die Reise geht, stehen die Beamten, egal, ob Rat oder Direktor, Schlange, um ein gutes Plätzchen zu ergattern. Reiseerfahrene Pullman-Fahrer wissen schon, daß die Mittelbank am ungünstigsten ist – dort reibt sich Knie an Knie.

Natürlich ist die Idee mit dem Pullman nicht aus übertriebenem Luxusdenken, sondern aus der schlichten Not heraus geboren,, mit einem um 20 Prozent gekürzten Reiseetat auskommen zu müssen. 1982 wird von der ebenfalls sparsam-schwäbisch gelenkten Landesregierung in Stuttgart gar eine Reduzierung um fünzig Prozent verlangt und das, obwohl die Dienstfahrten nicht weniger werden. 160 000 Mark stehen dann dem Präsidium noch zur Verfügung, um seine Beamten von Ort zu Ort zu bringen. Wer weiß, ob da nicht bald noch ein Überlandbus mit Übernachtungsmöglichkeit angeschafft wird.

Apropos Bus: Die Anschaffung eines billigen Mannschaftstransporters, Marke VW, hält Regierungsdirektor Max Lohmiller für nicht diskutabel: „Es sieht ja nicht gerade gut aus, wenn hochdotierte Spitzenbeamte mit einem klapprigen Bus oder gar noch mit dem Fahrrad draußen im Lande herumfahren.“ Helmut Groß