„Grenzgänge, Literatur aus der Schweiz 1933 bis 45. Ein Lesebuch“. Der Band sammelt Texte von Schweizern und Emigranten; sie sollen den jüngeren Leser mit jener Schweiz vertrauter machen, die das Dritte Reich zum Nachbarn hatte. Das Buch will eine „Bestandsaufnahme“ der Schriftstellerreaktionen ermöglichen. Das löbliche Vorhaben ist mißraten. Die wenigen Fundstücke verlieren sich in der Füle unnötiger Beiträge: scheinbar zufällige Auszüge aus Romanen, kaum noch lesbare Gedichte und persönliche Aufzeichnungen. Selten erfolgt der fällige Brückenschlag vom Privaten ins Politsche. Hausbacken und selbstgefällig wird reflektiert. Ein einziger Text befaßt sich mit der mächtigen „Fröntler“-Bewegung (Schweizerische Nationalsozialisten); Antisemitismus bleibt den Führern eines Flüchtlingslagers vorbehalten. Wo sind, außer C. A. Loosli und Ulrich Becher, die kritischen Stimmen? Unergründlich, nach welchen Kriterien diese Anthologie zusammengestellt wurde. Thomas Mann wird zitiert („Tagebücher“); Erika Mann, die in Zürich politisches Kabarett machte und ihren Vater erst zur Emigration bewog, wird mit keinem Wort erwähnt, auch Mehring undjahnn nicht; von Bloch eine einzige Zeile. Die klassenkämpferischen schweizer Arbeiterdichter jener Zeit fehlen. Die Auswahl der Autoren läßt sich möglicherweise rechtfertigen, die der Texte nicht. Exemplarisch sind sie nicht, hingegen oft sehr mühsam. Offensichtliche Übersetzungsfehler, eine Unzahl Druckfehler und eine mangelhafte Bibliographie belegen, daß hier ohne jede Sorgfalt ein Lesebuch zusammengeschustert wurde. (Herausgegeben von H. R. Hilty; Unionsverlag, Zürich, 1981; 528 S., 34,– DM.) Christoph Neidhart