Als Essayist – fast möchte ich sagen: als Leser – war Martin Walser immer schon konkurrenzlos unter unseren Autoren. Ob er über Höderlin oder Schiller, Heine oder Proust, Kafka oder Robert Walser schrieb, stets erweckte er die im düsteren Philologenkabinett bereits Eingesargten wieder zu lebenden Zeitgenossen, und seine Verehrung für sie – genauer: sein Bedürfnis nach ihnen – zeigte sich gerade darin, daß er sie von dem Denkmal herunterholte, auf das falsche Verehrung sie verbannt hatte.

Wie provozierend persönlich sein Umgang mit ihnen ist, läßt sich nirgends besser erfahren als in den hier vorliegenden Frankfurter Poetik-Vorlesungen von 1980, schon weil diese nicht nachträglich am Schreibtisch aufpoliert wurden, sondern den Reiz der freien Rede bewahren, deren – und leider geht es wieder nicht ohne Superlativ – Martin Walser mächtig ist wie keiner seiner Kollegen.

Der Titel „Selbstbewußtsein und Ironie“ signalisiert schon Walsers Tendenz: Zuerst kommt das Selbstbewußtsein, dann erst die Ironie. Wo aber Selbstbewußtsein fehlt oder nur fingiert werden kann, wie etwa beim Kleinbürger, sieht Ironie radikal anders aus als beim selbstbewußten Bürger oder Aristokraten. Für diese Arrivierten ist sie ein Mittel der Bestätigung durch Distanzierung, eine Art Luxus-Spielzeug im Sinne Friedrich Schlegels, der erklärte: „Die Ironie ist das Spiel mit allem; dieser Subjektivität ist mit nichts mehr ernst, sie macht Ernst, vernichtet ihn aber wieder und kann alles in Schein verwandeln.“ Ihre Apotheose feierte diese freischwebende und niemals notwendige Ironie in Thomas Mann, der sich damit als Goethe-Erbe fühlte, rühmte er doch 1932 an diesem den „ironischen Nihilismus“ und – noch schlimmer – die „naturelbische Dichtergesinnungslosigkeit Martin Walser konzidiert dieser rein rhetorischen Ironie (die er auch die „bürgerlich-romantische Ironie nennt) allenfalls, daß sie „ironische Figuren“ geschaffen habe, bestreitet ihr jedoch den „ironischen Stil“, der seiner Meinung nach allein das Prädikat Ironie verdient und der ein Privileg der Unterprivilegierten ist, exakt: ihre literarische Existenzform.

Dieser ironische Stil, den Walser von Jean Paul und Kierkegaard bis zu Kafka und Robert Walser am Werke sieht, richtet sich letztlich gegen seinen eigenen Urheber; dieser sieht sich nämlich ständig gezwungen, ja zu sagen zu den Verhältnissen, die nein zu ihm sagen. Doch dadurch, daß er das schlechte Bestehende so glühend gutheißt, weist er auch permanent auf diesen Mangel im Bestehenden hin, macht ihn überhaupt erst als Mangel fühlbar und weckt also Verlangen nach Veränderung, nach Geschichte. Die negative Dialektik dieser Ironie erweist sich so als das Positive, jedenfalls für Martin Walser, der sich Ironie nur als Reaktion auf Herrschaft – mithin als Arbeit und nicht als Spiel – denken kann und der zum Schluß seiner Vorlesungen seinen Glauben daran beteuert, daß „noch keine Herrschaftsform die Ironie, die sie provozierte, überlebt“ habe.

In Anbetracht dessen, daß bei uns zu Ironie im allgemeinen immer noch automatisch Thomas Mann assoziiert wird, und daß trotz so unendlich vieler ironischer Existenzen, die eigene einbegriffen, immer noch nicht der ironische Stil, sondern die ironische – sprich: distanzierende – Haltung in der Literatur Konjunktur hat, erscheinen mir Walsers Vorlesungen als Pflichtlektüre für alle, denen Literatur mehr als Ablenkung – mithin mehr als Thomas Manns „allumfassende“ und damit alles ermäßigende Ironie – ist.

Martin Walser: „Selbstbewußtsein und Ironie – Frankfurter Vorlesungen“; edition suhrkamp Neue Folge Band 90; Frankfurt 1981; 224 S., 12,-

Peter Hamm