Energie und UmweltEntropie als Heilslehre

Jeremy Rifkins „neues Weltbild“: interessanter Ansatz, bedenkliche Ausführung

Von Bernd Kröger

Das Prinzip von der Erhaltung der Energie und das von der Vermehrung der Entropie nehmen unter allen Naturgesetzen den obersten Rang ein. Sie beziehen sich nicht nur auf das Gebiet der Wärmelehre; ... die beiden Prinzipien haben vielmehr für das Gesamtgebiet der menschlichen Erfahrung Geltung.“ Mit diesen Worten leitete der österreichische Physiker Friedrich Hasenöhrl im Jahre 1915 seinen Essay über die beiden Hauptsätze der Thermodynamik in der enzyklopädisch angelegten „Kultur der Gegenwart“ ein. Weit mehr als ein halbes Jahrhundert später präsentiert nun der als engagierter Sozialkritiker apostrophierte amerikanische Buchautor Jeremy Rifkin seine Version dieses Gesetzes:

Jeremy Rifkin: „Entropie – ein neues Weltbild.“ Hoffmann & Campe, Hamburg, 1982, 352 Seiten, 29,80 DM.

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Entropie, hinter diesem geheimnisvollen, bei Rifkin fast magischen Wort, verbirgt sich nichts anderes als der seit langem bekannte 2. Hauptsatz der Thermodynamik. Er gibt die Beobachtung wieder, daß ein geschlossenes System bei jeder Art von Tätigkeit von einem Zustand höherer Ordnung in einen Zustand niedrigerer Ordnung übergeht (im statistischen Sinne). Dieses Prinzip sorgt dafür, daß Wärme immer vom heißeren zum kälteren Körper fließt und nicht umgekehrt. Es regelt aber auch die Wirkungsweise moderner Wärmepumpen. Der Entropiesatz regiert aber nicht nur in der Wärmelehre. Auch chemische Reaktionsprozesse ließen sich nicht ohne den Energiesatz berechnen.

Freilich: Diese Einsicht bleibt Rifkin augenscheinlich verborgen. Ein Entropiesatz für die Materie, wie ihn Rifkins Mentor, der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und „Entropiepapst“ (Verlagswerbung) Nicholas Georgescu-Roegen in seinem Nachwort fordert, ist schlicht überflüssig. Die bestehenden Naturgesetze tragen auch der Materie Rechnung. Aber wahrscheinlich hat Rifkin ganz etwas anderes im Sinn.

Seit Beginn der industriellen Technisierung, besonders aber seit dem Zweiten Weltkrieg, machen sich Menschen über die zunehmende Veränderung ihrer Umwelt Sorge. Hinter dem Schlagwort „mangelnde Lebensqualität“ stehen so unterschiedliche Phänomene wie knapper werdende Rohstoffe, die Sorge um genug sauberes Trinkwasser, Luft- und Wasserverschmutzung. Die Menschheit wurde sich in den letzten Jahrzehnten der Begrenztheit ihres Lebensraumes bewußt. Auf dem „Raumschiff Erde“ müssen wir mit endlichen Ressourcen auskommen.

Verfolgt man die Spur der hemmungslosen Ausbeutung der Naturvorräte an den Ausgangspunkt, gelangt man, nach Rifkins Ansicht, zu Francis Bacon. Alle Schuld dieser Welt lastet auf diesem englischen Philosophen (1561-1626), dem „ersten no-nonsense Pragmatiker des modernen Zeitalters“. Bacons Forderung nach wissenschaftlich-experimenteller Erforschung der Welt hat das „Newtonsche Maschinenparadigma“ ausgelöst. Eine weitergehende Begründung dieser Hypothese sucht der Leser bei Rifkin allerdings vergebens. Kein Wort auch über die Hintergründe, die Bacon zu seiner revolutionierenden Schrift „Novum Organum“ veranlaßten; kein Wort über die Tatsache, daß er sich der Zweischneidigkeit seines Ansatzes voll bewußt war, wie Rifkin in Bacons Schrift „Fortschritt des Wissens“ leicht hätte nachlesen können. Aber dafür blieb wohl keine Zeit.

Überhaupt sind Hintergründe nicht gefragt, der Rasenmäher der Vereinfachung regiert. So wird die griechische Weltsicht auf ganzen drei Druckseiten beschrieben und mit einem Zitat des römischen Dichters Horaz erklärt; für das christliche Weltbild bleiben nur zwei Seiten. Bei einer derartigen par force-Tour kann es nicht ausbleiben, daß für „Platon, Aristoteles und die anderen griechischen Philosophen Geschichte ein Prozeß des kontinuierlichen Verfalls ist“, sechs Seiten weiter aber auf einmal von der „Stillstandsphilosophie der Griechen“ die Rede ist. Anstatt 2500 Jahre Entwicklungs- und Geistesgeschichte in das Prokrustesbett seiner Anschauungen zu stecken, wäre Rifkin besser beraten gewesen, wenn er sich auf die vorhandenen Probleme konzentriert hätte. Denn seine am Anfang des Buches aufgestellte These ist faszinierend genug und sollte ernsthaft diskutiert werden.

Rifkin unterstellt, daß jedes Weltbild, mit dem eine Gesellschaft lebt, seinen Ursprung in der jeweiligen Energiebasis nahm. Ansatzweise diskutiert er dabei das statische Weltbild des Mittelalters, hervorgerufen durch den erneuerbaren Energieträger Holz. Der große Umschwung setzte ein, als dieser Rohstoff allmählich weniger wurde. Daraufhin erblühte die Kohle als neue Energieuelle und zog das „Newtonsche Maschinenparaigma“ nach sich. Mit der heutigen Auszehrung der Kohlevorräte stehen wir, so Rifkin, vor einem neuen Übergang. Erneuerbare Energien werden auch ein neues Weltbild mit sich bringen. Diese drastischen Übergänge nennt der Autor „Entropieverzweigungspunkte“, wobei er allerdings Entropie mit Energie verwechselt. Dennoch, der Gedanke ist höchst interessant, besonders, wenn man sich die Konsequenzen ausmalt.

Jeder neue Basis-Energieträger ist schwerer abzubauen und bereitzustellen als der vorherige. Da Kohle schwerer als Holz und auch nicht überall vorhanden ist, mußten, so Rifkin, neue Transportmittel entwickelt werden. So gesehen wäre die Eisenbahn eine direkte Folge des Übergangs von Holz zur Kohle als Energiequelle.

Eine andere Linie in der etwas sprunghaften Argumentation des Autors verfolgt die Auswirkungen, den der Entropiesatz für das „Newtonsche Maschinenparadigma“ hat. Im herrschenden Maschinenzeitalter wird Fortschritt aufgefaßt als „der Prozeß, in dem die weniger geordnete natürliche Welt von den Menschen dazu genutzt wird, eine geordnetere Umwelt zu schaffen“. Dagegen kämpft Rifkin und erklärt rundweg, daß dieser erwünschte Fortschritt wegen des Entropiesatzes unmöglich ist.

Rifkin will den Nachweis erbringen, daß auf der begrenzten Erde Wissenschaft und Technik keine geordneten Strukturen hervorbringen können – bedingt eben durch Entropieverluste. Im Gegenteil: Chaos, Umweltverschmutzung und „dissipierte Energie“ sind die Folge. Alles, was wir heute verbrauchen, fehlt den kommenden Generationen. Unbestritten muß der von Rifkin wiederholte, auch von anderen Autoren geforderte schonende Umgang mit den materiellen Schätzen der Erde bleiben. Doch in seinem zentralen Punkt irrt Rifkin gewaltig: Gerade aus energetischer Sicht ist die Erde kein abgeschlossenes System. Denn in jeder Sekunde trifft die unvorstellbar große Energiemenge von 178 Billionen Kilowatt auf die Erdoberfläche. Die Sonnenenergie ist seit Jahrmilliarden die Quelle allen Lebens auf der Erde, ohne sie wäre dies ein toter Planet.

Rifkins Irrtum ist um so unverständlicher, als wir gerade in den letzten Jahren zum ersten Mal eine Vorstellung davon bekommen haben, wie sich geordnete Strukturen und auch Organismen dank der Sonnenenergie haben entwickeln können: Ilya Prigogine, der belgische Chemie-Nobelpreisträger von 1977, erklärte mit seiner – von Rifkin unverstandenen und heftig attackierten – „Theorie dissipativer Strukturen“, wie in einem „offenen System“ (etwa unsere Erde) Ordnung aus Unordnung entstehen kann. Und Manfred Eigen, der deutsche Chemie-Nobelpreisträger von 1967, zeigte mit der Theorie der „Hyperzyklen“ einen Weg auf, der die Entstehung belebter, „geordneter“ Organismen aus unbelebter Materie verständlich macht. Entgegen Rifkins Meinung entstehen geordnete Strukturen durchaus spontan in geeigneten Energie-Umwelten.

Beim Lesen des Buches kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich der Autor auf einem Kreuzzug befindet. Der Gegner ist nur nicht immer ganz klar zu sehen. Sicher gehört die moderne Technologie dazu, aber auch die „Anhänger der Konsumideologie“. Wer den Thesen des Autors nicht zustimmen kann, wird Schuldgefühlen ausgesetzt oder bedroht, denn „alles mündet letztlich in der Frage, ob man Gott dienen will oder nicht“. Rifkin: „Unser Körper reagiert auf die steigende Entropie mit Krebs, angeborenen Mißbildungen und geringerem Intelligenzquotienten bei Kindern.“ Wer dagegen bereit ist, dem Meister zu folgen, für den gilt die Heilserwartung, „ein Vorbote des neuen Zeitalters zu sein“.

Hält man sich die vielen sorgfältigen Analysen unserer Umweltsituation und der daraus resultierenden Strategien zu ihrer Überwindung vor Augen, so verärgert Rifkins nachlässiger Umgang mit Zahlen und Statistiken (meist aus Sekundärquellen) um so mehr. Exponentielles Bevölkerungswachstum führt bei ihm dazu, „daß jeder Winkel auf dem gesamten Erdball eines Tages besetzt sein wird; dann gibt es gewissermaßen nur noch Stehplätze“. Oder: „Bei dieser Wachstumsrate würde innerhalb von 200 Jahren jeder Quadratzentimeter verfügbaren Landes in den gesamten Vereinigten Staaten für Kernkraftwerke gebraucht“.

Wozu diese Übertreibungen angesichts der real angespannten Situation nötig sind, wird wohl das Geheimnis des Autors bleiben. Aber es kommt noch schlimmer. In Fallstudien zeigt er den Einfluß des Entropieprinzips auf verschiedene Lebensbereiche wie die Landwirtschaft, Rüstung, Gesundheitsfürsorge und Bildung. Seine Grunathese leuchtet durchaus ein. Ein höherer Energie-, Material- oder Informationsumsatz erzeugt „dissipierte Energie“. Verständlicher ausgedrückt: Schwund ist in jeder Sache. Daraus die Forderung nach Selbstbeschränkung und Sparsamkeit, nach überschaubaren Prozessen und „menschlicher“ Technik abzuleiten, ist vernünftig.

Doch leider verspielt Rifkin auch hier allen Kredit mit Sätzen wie: „In Wahrheit hat die moderne therapeutische Medizin kaum eine Rolle bei dem Siegeszug über die am weitesten verbreiteten tödlichen Krankheiten gespielt.“ Und die Antwort auf die Frage, warum Kinder in gut ausgestatteten Schulen nicht lesen und schreiben können „gibt wieder der beschleunigte Entropieprozeß und die Akkumulation von Unordnung, die daraus folgt“. Denn Rifkins Auffassung nach sei es ja nicht zu leugnen, „daß die Entwicklung des menschlichen Verstandes mehr Unordnung in der Welt geschaffen hat“.

Bisher war so wenig vom einzelnen Menschen die Rede. Die Ursache hierfür liegt (nein, nicht im Entropieprozeß) darin, daß Individuen bei Rifkin kaum vorkommen. Wie leben nun diese Menschen nach dem kommenden „Entropieverzweigungspunkt“? Der Autor entwirft in groben Zügen ein vorindustrielles Lebensbild, das seinem Ideal von der „Jäger-Sammler-Gesellschaft“ ziemlich nahekommt: Kleine dörfliche Siedlungen, in denen man sich mehr auf die Hände als auf die Maschinen verläßt. Dort gibt es keine oder nur geringe Kommunikation zu Nachbargemeinden. Persönliche Mobilität mittels Flugzeug oder Auto entfällt genauso wie Beschäftigung mit den Fakten. Statt dessen konzentrieren sich die Kinder darauf, den „Fluß der Phänomene“ zu studieren. Als Energiequelle steht weiche Solarenergie zur Verfügung, da Kernkraft und Kernfusion wegen ihrer Gefährlichkeit – vielleicht zu Recht – als Dauerlösung abgelehnt werden.

Konsequenterweise negiert Rifkin alle modernen Kommunikations- und Arbeitsmedien, die keine oder nur wenig Energie benötigen: keine Computer und Mikroprozessoren, keine Halbleiter- und Optotechnologie. Auch mögliche Fortschritte bei der Energiegewinnung durch die Aufspaltung von Wasser mit Hilfe von Licht (Photodissoziation) oder Photokatalyse mittels Bakterien zieht er nicht in Erwägung. Wie realistisch ein solches Bild ist, kann jeder abschätzen, der die Psychologie des Menschen in Betracht zieht.

Auf uns warten einschneidende Veränderungen. Darum ist Information über die Randbedingungen, unter denen wir leben, und die Darstellung möglicher Folgen des Raubbaus an den Ressourcen eine vordringliche Aufgabe. Katastrophenbücher Rifkinscher Prägung in der Art nihilistischer Maschinenstürmerei, verbunden mit pseudoreligiösem Wahrheitsanspruch, helfen da wenig. Ob der Autor ruhig bei dem Gedanken schlafen kann, wieviel Entropie die Produktion seines Buches erzeugt hat?

 
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