Schattenriß und Scherenschnitt haben wenig Chancen, künstlerisch ernst genommen zu werden. Man bewundert zwar bereitwillig die Fingerfertigkeit begabter Dilettanten, die solche verspielt-dekorativen Gebilde hervorzubringen vermögen, aber im Werk eines Künstlers tut man sie geringschätzig als unerheblich ab.

Ein Paradebeispiel dafür ist Philipp Otto Runge, dessen Pflanzenschnitte von so konzentrierter Schönheit sind, daß das botanisch getreue Abbild einer Lilie etwa zugleich auf das Urbild, Platos „Idee“, dieses Gewächses zielt. Der Maler selber spricht in seiner romantischen Naturfrömmigkeit vom „lebendigen Geist Gottes“, der im Detail sichtbar werde. Wenn man von Werner Hofmanns Würdigung im Hamburger Katalog „Runge und seine Zeit“ von 1977 absieht, hat die Literatur bisher die Schnittbilder entweder kaum beachtet oder aber übermäßig verteidigt. Eine kritische Untersuchung dieses Zweigs der Rungeschen Kunst stand noch aus, was bei der allgemeinen Unkenntnis und Unsicherheit in der Beurteilung dieses bildnerischen Mediums nicht verwunderlich ist.

Cornelia Richter legt nun ein 264 Nummern umfassendes, gut kommentiertes Werkverzeichnis aller erhaltenen Scherenschnitte vor. Philipp Otto Runge: „Ich weiß eine schöne Blume“ (Verlag Schirmer/Mosel, München; 144 S., 250 Abb., 128,– DM). Sie ordnet Runges Schnittbilder seinem Werk zu, ohne Bezüge und Zusammenhänge zu forcieren. Zweiundvierzig außergewöhnlich raffiniert reproduzierte Farbtafeln machen die spezifische Qualität des Papierschnitts sichtbar. Die Weißschnitte sind ganz auf Umriß und Fläche gestellt und verzichten auf jede Binnenbearbeitung, eine Ästhetik, die klassizistischer Strenge zu verdanken ist, aber auch dem Linien-Purismus der Romantik entgegenkommt. Zudem spielt der auf einem farbigen Hintergrund ruhende Kontur mit seinem Schattenrand eine so plastische Rolle, daß der zum Relief dringende Schnitt einen unübersehbaren Eigencharakter hat und nicht bloß eine verarmte Zeichnung ist.

Fast dreiviertel aller Schnittbilder Runges stellen florale Motive dar, was im Titel des Bandes „Ich weiß eine schöne Blume“ angesprochen wird. Sie sind, auf Zeichnungen und Bildern wiederkehrend, unverkennbar in ihrer üppigen Stofflichkeit und Tektonik und dürfen als absoluter Höhepunkt der Scherenschnittkunst gewertet werden. Ihr Gebrauchscharakter – sie waren für Ofen- und Lampenschirme, als Tapetenbordüren, Stickvorlagen, Kuchenpapiere, Zimmerzier und Freundschaftsgaben gedacht – zeugt vom Streben Runges, die Kunst auf alle Bereiche anzuwenden, wie das später auf breiterer, industrieller Basis die englische Arts-and-Crafts-Bewegung und der Jugendstil versucht haben.

Daß Runge schon als Knabe erstaunlich sicher ausschnitt, ist begreiflich, wenn man bedenkt, daß um 1780, rund zwanzig Jahre nach ihrem Aufkommen, bereits der Höhepunkt der Silhouettenbegeisterung erreicht war und daraus resultierend eine Scherenschnittmode einsetzte, die für eine Weile die beliebteste musische Betätigung wurde. Seine Tiere, Liebestempel, Sommerszenen, Bibelstücke, Allegorien und Embleme, zu denen er sich teilweise von Matthias Claudius’ Wandsbecker Boten, von Bilderbogen und ähnlichen populären Vorlagen anregen ließ, liegen also durchaus im Rahmen des Zeitüblichen, nur daß sie besonders lebendig gerieten. Seine Porträtsilhouetten drängen zur überspitzten Charakterisierung, ja zur ausgefallenen Physiognomie. Erst in den Blumen hat er sein Thema für die Schere gefunden.

Wollte man einen Vergleich in der modernen Kunst suchen, sollte man nicht, wie Cornelia Richter, auf Matisse und seine papiers découpés hinweisen. Er setzte mit geschnittenen Papierteilen Volumen und Farben zueinander in Beziehung, was Runge, der weder Arrangement noch Hintergründe selbst wählte, fern lag. Sehr viel verwandter scheint mir Max Ernsts „Histoire Naturelle“ zu sein, die aus einer ähnlichen Dilettantentechnik hervorging. So wie Max Ernst das kindliche Durchreiben zur Frottage entwickelte, um – nicht ohne Seitenblick auf die Romantik – eine Geschichte der Natur aus dem Detail zusammenzustellen, hat Runge – gleichsam ein Linné der Schere – seine Blumenstücke zum irdischen Paradiesgarten geordnet. Weil die andeutende Technik des Papierschnitts diesem Unterfangen ideal entgegenkam, hielt er bis zum Tode an ihr fest. Jetzt ist es zum erstenmal möglich, diesen eigenständigen Teil des Rungeschen Werks, mit allen sinnlichen Qualitäten der Originale in einem Band versammelt genießen zu können. Sigrid Metken