Von Rolf Michaelis

Wie! du bedarfst noch des Theaters! Bist du noch so jung? Werde klug und suche die Tragödie Und Komödie dort, wo sie besser gespielt wird! Wo es interessanter und interessierter zugeht! ... Mache dein Theater-Auge auf, das große dritte Auge, welches durch die zwei anderen in die Welt schaut!

Friedrich Nietzsche: „Morgenröte – Gedanken über die moralischen Vorurteile“, 509 (1881)

Ein quälender, ein befreiender Abend: Klaus Michael Grübers Inszenierung von „Faust – Der Tragödie erster Teil“. Am Abend des Tages, an dem vor 150 Jahren in Weimar Johann Wolfgang Goethe gestorben ist, spielt an der Freien Volksbühne Berlin der Schauspieler Bernhard Minetti den Faust. Gilles Aillaud hat dem Universalgelehrten nicht das von Goethe gewünschte, „hochgewölbte enge gotische Zimmer“ gebaut, sondern einen ins Dunkel, ins Nichts sich öffnenden, von einer Kerze auf dem Schreibpult, von Flammen eines Kaminfeuers kaum erhellten Saal.

Aus dieser Schattenhöhle tritt Grübers Faust in den Lichtkegel an der Rampe und klagt: „Weh! steck ich in dem Kerker noch? / Verfluchtes dumpfes Mauerloch“ – und dann, neun Verse überspringend: „Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!“ Minetti schlägt die Hände vor die Stirn. Alle zehn Finger krampfen sich um den vom Denken, Träumen, Erinnern gemarterten Schädel.

Da ist die ganze Inszenierung in eine Geste gepreßt: Kerker ist nicht die Studierstube, sondern der eigene Kopf. Welt ist nicht draußen, sondern drinnen. Das Leben ein Traum. Goethes „Faust“-Tragödie als Kopftheater, das Welt-Stück als Monodram, das Schauspiel mit Dialogen und Massenszenen als innerer Monolog.

Goethes Drama vom menschlichen Tatendrang („Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen“) als Theater der Erinnerung? Nach Grübers „Faust Salpetriere“, der vor sieben Jahren in einer Pariser Kirche inszenierten Fassung beider Teile der Tragödie als großer, bis zur Revue ausgreifender, auch die Zuschauer auf den Weg durch und um die „Chapelle Saint Louis“ schickender Lebensreise „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“, markiert sein Berliner „Faust“ den Gegenpol: Theater der Verweigerung. Nach dem Ausflug in die Welt nun der Blick ins Innere, durch das von Nietzsche geschaute „Theater-Auge“. Fausts tragischer, scheiternder Lebenslauf als Theater für das „dritte Auge“.