Thomas Pynchons Roman „Die Enden der Parabel“ und der Essayband „Ordnung und Entropie“

Von Fritz J. Raddatz

Ein Buch wie ein Bild. – Was ist mit so einem Satz gemeint? Ich will versuchen, die zögernde Annäherung an einen schier gargantuesken Prosawurf mit dieser Erklärung zu beginnen: Epische Strukturen sind wesentlich argumentativ; eine Erzählung, ein Roman wollen – auch – überreden, den Leser hineinholen in einen dargestellten kausalen Zusammmenhang. Die Abläufe sind meist logisch, zumindest mit einer phantasiebegabten Logik nachvollziehbar. Das vorgeblich Fremde birgt stets auch ein Teilchen des eigenen Selbst. Dieses Moment der Identifikation – nahegerückt bei sich anbiedernden Büchern, also der Trivialliteratur; fremd und fern gemacht bei ernsthafter Literatur – ist die Chance des Lesers wie des Autors. Literarische wie Markterfolge verdanken sich ihr.

Bildnerische Strukturen sind wesentlich magisch. Das Rätsel des großen Bildes hängt mit seiner A-Logik zusammen; wo ein Gemälde argumentiert, überschreitet es die Grenze fort von der Kunst. Es wird ableckbar. Ein Bild von Velasquez, Goya, Hieronymus Bosch gibt sein Geheimnis nie gänzlich preis – darin verwandt am ehesten der Lyrik. Walter Benjamins schockierend richtiger Satz, daß, wer behaupte, ein Gedicht verstanden zu haben, es nicht verstanden habe, trifft wohl auch zu auf die großen Werke der bildenden Kunst. Sie bleiben Märchen, letztlich unergründlich, und wer ihren Grund interpretatorisch ausloten will, muß sie und sich zu Tode erläutern, scheitern wie weiland Lessing am „Laokoon“. Wie Proust eine Satzgirlande, wie Brecht eine Szenenfolge gebaut haben – das läßt sich schon prüfen und analytisch darstellen. Wie die Mona Lisa lächelt, nicht. Weswegen die großen, gelungenen Grenzfälle aus Bild und Wort – Robert Wilsons Theater, Pina Bauschs Figurenwerfen, Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ – Mythen erzählen, etwas „Ziehendes“ haben, das sich nicht gänzlich entschlüsseln läßt. Lauter kleine Wunder.

Dieses staunende Umherwandern in einer phantastischen Rätselwelt bietet ein Buch, wie ich es in solch unerschöpflicher Fabuliergabe seit Jahren nicht gelesen habe –

Thomas Pynchon: „Die Enden der Parabel“, Roman, aus dem Amerikanischen von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz; dnb 112, Rowohlt Taschenbuchverlag Reinbek, 1981; 1194 S., 48,– DM.

Es ist dann ja immer das Wort vom „neuen Joyce“ fällig – ich mag das so wenig wie das „Die-Garbo-unserer-Tage“-Getue der Filmfritzen. In meiner Leseerfahrung hat dieses Buch mit Joyce wenig gemeinsam – außer, daß man mit ihm nicht fertig wird. Es sei denn, man nähme den Haupt-Impetus der Erzählkonstruktion für eine moderne Fahrt des Ulysses: Durch eine – unsere – Welt des kompletten Wahnsinns treibt ein Figurenarsenal, das auch nur zu benennen einer Graphik bedürfte. Ihre Lebensläufe haben Enden allenfalls wie die geometrische Form der Parabel, deren Enden ja ihrerseits kein Ende haben.