Mindestens 180 Menschen sind dem Monstrum zum Opfer gefallen, das die DDR einmal einen „antifaschistischen Schutzwall“ genannt hat und das doch ganz so aussieht wie eine Ausgeburt der KZ-Baumeister. Die Umstände des Todes an Mauer oder Sperrzaun sind immer anders, das Ergebnis ist auf immer gleiche Weise grausig. Menschen verbluten hilflos. Oder sie werden von scharfkantigen Metallteilen so verletzt, daß jede Hilfe zu spät kommt. Oder sie werden kaltblütig niedergemäht.

Der Mann, der am Montag an der deutschdeutschen Grenze von einem halben Dutzend Kugeln getroffen wurde, hatte nichts anderes im Sinn als all die anderen Opfer vor ihm: Er wollte seinen Staat verlassen. Das gilt in der DDR als Verbrechen. Vielleicht hatte er auf das vier Tage zuvor verabschiedete Grenzgesetz der DDR vertraut, das den Schießbefehl zwar nicht entschärft, aber erstmals öffentlich gemacht hat. Nach diesem Gesetz ist Schußwaffengebrauch nicht zugelassen, wenn die Kugeln auf dem Hoheitsgebiet eines anderen Staates einschlügen. Mit einem schweren Bagger kam der Flüchtling leicht an den Metallgitterzaun und auch hinüber. Demnach mußte – auf den letzten vierzig Metern bis zur Grenze – jeder Schuß auf dem Gebiet der Bundesrepublik einschlagen.

Die Grenzsoldaten hat dieser Umstand nicht gehindert, wie bisher auf Menschen wie auf Hasen zu schießen. Auch die Erste Hilfe, die das neue Gesetz vorschreibt, blieb aus. 50 Minuten lag der Mann, verletzt oder tot, im Sperrgebiet. Das Grenzgesetz sollte den Anschein erwecken, als habe die DDR eine Grenzordnung wie andere Staaten auch. Die legalistische Tünche hat nicht eine Woche gehalten.

J.N.