Könnten Sie sich vorstellen, zum Islam überzutreten? Oder sonstwie Ihren Glauben oder Unglauben zu wechseln? Würden Sie es auch dann nicht tun, wenn Ihre Nachbarn Sie danach viel besser leiden könnten als heute? Oder halten Sie diese Fragen für dumme Zumutungen? Das dürfen Sie auch. Wenn Sie kein Türke sind.

„Ob er sich vorstellen könne, vom Islam und dessen Gewohnheiten abzulassen und vielleicht sogar Christ zu werden, wenn er noch viele Jahre in Deutschland lebt?“ Das fragt ein Reporter des Spiegel einen türkischen Bergarbeiter im Ruhrpott. Eine Woche lang hat er Alltag und Familie des Türken beobachtet. Integration der Türken in die deutsche Umwelt – so erfahren wir – findet höchstens am Arbeitsplatz statt. In der Freizeit gibt es keine Kontakte zwischen Eisbein und Knoblauchquark, Brieftauben und Wandteppichen.

„Integration ist ein Fremdwort geblieben“, schreibt der Spiegel unter einem Photo der Türkenfamilie auf dem Wohnzimmersofa. Und ohne Integration geht es nicht. Entweder die Türken werden ganz gewöhnliche Deutsche, oder die Sache nimmt ein schlimmes Ende. Was steht hinter dieser These?

Da gibt es den widerlichen Ausländerhaß: alte Nazis, die NPD, die „Türken-raus“-Schmierer, deutsche Kinder, die ausländische Klassenkameraden schneiden und in einer vornehmeren Etage der Gesellschaft die habilitierten Rassisten, die das „Heidelberger Manifest“ unterschrieben haben. Politiker aller Parteien versuchen, besten Willen unterstellt, der Ausländerfeindlichkeit die Spitze zu brechen, indem sie ihr ein bißchen entgegenkommen: Der kluge Türke tut darum gut daran, seine Kinder möglichst schnell nach Deutschland zu holen, oder (je nachdem) seine Verlobte nicht mehr allzulange im anatolischen Heimatdorf sitzenzulassen. Der Vorhang wird bald gesenkt werden.

Es steht nicht gut um menschenfreundliche Bemühungen zugunsten der Ausländer. Und da können die Ausländer uns liberalen deutschen Menschenfreunden doch den Gefallen tun und den Ärger verringern: Ein bißchen Anpassung hätten wir schon gern.

Wir Liberalen brauchen uns aber hinter den Konservativen mit ihren fremdenfeindlichen Vorurteilen nicht zu verstecken. Wir möchten ja selbst, daß die Leute unsere Werte übernehmen, wenn schon nicht in Izmir, dann wenigstens in Gelsenkirchen. Soziale Anerkennung, gesellschaftliche Gleichberechtigung und politische Mitsprache für Türken in Deutschland, die Türken und Muslime bleiben wollen? Das geht nicht, weil es nicht gehen darf.

Gut, es gibt anerkannte, legitime Unterschiede, auch in der Religion. Katholiken und Protestanten lassen sich in unseren Breiten seit drei Jahrhunderten gegenseitig leben. Die gegenseitigen Integrationsbemühungen der Herren Wallenstein, Gustav Adolf und Co. hätten sich auf Dauer ohne allzu große Beeinträchtigung des Bruttosozialproduktes nicht fortsetzen lassen. Die unerklärte Mehrheitsreligion der Gegenwart, die religiöse Gleichgültigkeit, lebt mit den öffentlich-rechtlichen Kirchen in langweiligem Frieden. Aber das Fremde ist verdächtig geblieben.