Alle Jahre wieder bescheren die Kunstverlage den Liebhabern der Malerei einen farbenprächtigen Bilderband über den französischen Impressionismus. Offenbar ist eine Übersättigung des Marktes bei diesem Thema nicht zu befürchten. Und um das Vorjahresprodukt der Konkurrenz zu überbieten, werden die Abbildungen in der Anzahl immer weiter erhöht und in der Druck-Qualität verbessert. Mit dem Werk von Diane Kelder: „Die großen Impressionisten“ (Hirmer Verlag, München, 448 S., 298,– DM) ist die Reihe dieser Prachtbände an der Grenze der Benutzbarkeit angelangt. Für das übergroße Format (39 x 31 cm) und die 5,5 Kilo Buch benötigt der Leser einen soliden Tisch zum Blättern, auch eine kluge Vorplanung über die Aufbewahrungsmöglichkeiten im Bücherschrank empfiehlt sich. Das mit einem amerikanischen Verlag in Gemeinschaftsproduktion entstandene, in seinem Verkaufspreis nicht gerade bescheidene Opus ist ganz auf die in Japan gedruckten Abbildungen abgestimmt. Sie zeugen durchaus von dem Bemühen, dem höchsten Maßstab getreuer Farbwiedergabe zu genügen, ein Ziel, das leider nicht durchgehend erreicht wurde. Weit weniger Sorgfalt ist den Schwarzweiß-Reproduktionen gewidmet worden, die häufig zu dunkel oder gar unscharf ausgefallen sind, Schwächen, die dem deutschen Verlag, dessen Sorgfalt bei seinen bisherigen Büchern besonders hervorstach, sonst nicht angelastet werden konnten. Leider ist das aufwendige Werk auch von anderen editorischen Unarten nicht frei. Ein laufender Wechsel der Abbildungsgrößen, Bildausschnitte, die nicht als solche gekennzeichnet sind und lieblose Beschneidung der Vorlagen sind durchgehend zu beobachten. Auch die Bildauswahl ist kaum originell zu nennen, sondern beschränkt sich weitgehend auf die bereits häufig reproduzierten Meisterwerke, die auf Grund unserer optischen Überfütterung in der Gefahr stehen, gar nicht mehr als solche erkannt zu werden.

Zwar trifft man auch hier auf einige bisher nicht farbig abgebildete Gemälde. Der Schwerpunkt liegt aber weiter ausschließlich auf der Präsentation der „großen Impressionisten“. Eine historische Einordnung in die malerische Produktion der Epoche, die einen Vergleich mit den Leistungen der sogenannten Salonmalerei und damit eine Erweiterung der Perspektive ermöglicht hätte, ist nicht versucht worden.

Die vielen großen Abbildungen drängen den Text von Diane Kelder gänzlich in die Defensive, obwohl er sich wohltuend von den das Genre sonst kennzeichnenden hymnischen Ergüssen abhebt. Die Verfasserin leitet den Leser nach einer Darstellung der Situation der französischen Malerei in der ersten Jahrhunderthälfte zu den Impressionisten und beschließt ihren Überblick mit Hinweisen auf Cézannes Vermächtnis für den Kubismus. Insgesamt: Ein Survey für Undergraduates eines amerikanischen Colleges, ohne neue Bewertungen, ohne neue Fragestellungen – aber glücklicherweise auch ohne die wortreichen Elogen, die der Klappentext des Buches befürchten läßt, der das Buch als „eine Huldigung an die großen französischen Impressionisten“ vorstellt.

Ob es dieser Huldigung bedurfte, ist dennoch zu fragen. Der Aufwand mag manche Käufer ansprechen. Der Fachmann hat auf dieses Werk nicht gewartet, und der an der Malerei wirklich interessierte Leser mag immer noch getrost auf die entschieden wohlfeiler erhältliche, hervorragende „Geschichte des Impressionismus“ von John Rewald zurückgreifen. Thomas W. Gaehtgens