Von Raimund Hoghe

Nach einiger Zeit, nach einem Moment der Stille fragt Karin B.: „Wollen Sie Photos von ihr sehen?“ Wenig später kommt sie mit ein paar vergrößerten Kinderbildern zurück. „Das war vor Ausbruch der Krankheit.“ „Und das während der Behandlung – da sieht man schon die Veränderung.“ Und: „Das ist das letzte Photo von ihr – drei Wochen vor ihrem Tod.“

Die Aufnahme zeigt ein dunkelhaariges Mädchen, auf der Seite liegend, mit geschlossenen Augen, einen Daumen an den Mund gelegt, ruhig und friedlich. Obwohl ihr Körper nicht mehr zu heilen sein wird, wirkt sie auf diesem Bild ganz heil, ungebrochen, obwohl ihre Organe zerfressen sind vom Krebs: Bianca, achteinhalb Jahre alt, eines von über tausend Kindern, die in der Bundesrepublik jährlich an Krebs sterben.

„Es ist nicht einfach mit dem Darüberreden“, bekennt Karin B. „Zuerst konnte ich das auch nicht. Das war so ein Schock und – meinem Kind das zu sagen: ‚Du hast Krebs‘ – das hab’ ich nicht fertiggekriegt. Wir haben über alles sehr offen geredet, ich hab’ ihr gesagt, das ist eine gefährliche, schlimme Krankheit, aber das Wort Krebs ist nicht gefallen. Das konnte ich nicht – da sind meine eigenen Ängste doch zu stark gewesen. Erst als ich die überwunden hatte, bin ich dazu in der Lage gewesen.“

Diagnose Krebs. Bianca war sechs und sollte gerade zur Schule gehen, als Ärzte einen Tumor in ihren Nervenzellen feststellen. „Neuroblastom, Stadium 4, also Fernmetastasen, eine statistische Chance von drei Prozent, die nächsten zwei Jahre zu überleben.“ So wenig die Beschreibung der Diagnose von den durch sie hervorgerufenen Erschütterungen erzählt, so unzureichend geben Worte auch das wieder, was folgte: die Spuren der aggressiven Chemo- und Strahlentherapie etwa, von denen der Ausfall der Haare und die Zerstörung der Schleimhäute nur die äußerlichen sind, die Hoffnung auf ein Wunder und Statistiken, nach denen krebskranke Kinder heute Überlebenschancen von mehr als 50 Prozent haben, die Verzweiflung über Mißerfolge, Rückschläge. „Letztlich kann kein anderer nachvollziehen, was man da durchmacht.“ Ein krebskranker Junge sagt: „Es ist ein Krieg in meinem Körper.“

Zu Anfang habe Bianca die Behandlung ganz schlecht vertragen, berichtet Karin B. „Nach einem halben Jahr hatte sie einen Rückfall, und wir dachten schon daran aufzuhören. Aber dann hat sie Interferon bekommen und die ganze Behandlung besser überstanden. Sie hat einen Aufschwung gehabt und konnte sogar ein Jahr lang zur Schule gehen. ‚Bringt mich nicht mit dem Auto, ich will mit dem Bus fahren‘, hat sie immer gesagt – ‚ich will so sein wie die anderen Kinder.‘“

Doch das Interferon erwies sich auch bei ihr nicht als Wundermittel, nur als Schutz gegen die für Krebspatienten oft lebensgefährlichen Infektionskrankheiten. Die Krebszellen wuchsen weiter. „Letzte Weihnachten hatte sie dann einen zweiten Rückfall und bekam eine Querschnittlähmung. In einer halben Stunde mußten wir entscheiden, ob man noch eine Operation machen soll – wir haben zugestimmt.“