Nachdenken über Jürgen Habermas: „Theorie des kommunikativen Handelns“

Von Urs Jaeggi

Wichtig ist mir die Frage, ob mit der Sprache und ob mit der Wahl des Gesprächspartners die zu besprechenden Probleme immer schon mitformuliert werden. Kann ich mich mit Habermas überhaupt verständigen? Oder anders: Kann man überhaupt über soziale Rationalität reden, wenn man sich nicht in die Sprache, in die Ausdrucksform derer, die man deutet, hineinbegibt? Kann Habermas mit Luhmann, Parsons, Dürkheim und Marx dialogisieren und dabei auch die „jungkonservativen“ Theorieverweigerer meinen, die nicht bloß die Sprache verweigern, sondern die Sache – weil sie anders denken und handeln wollen. Kann er sich hier verständlich machen?

„Es liegt so viel Nebel heute, überall.“

(Habermas)

Die „scientific Community“ produziert, im Kern, für sich selbst. Ob das Terrain der Probleme fein säuberlich aufgeteilt wird oder nicht: wichtig sind die „standards“, die Übereinkünfte. Niemand weiß genau, wie sie zustande kommen; sie existieren. Ihre Statthalter bauen Nischen, Höhlen; sie sondern ab und sondern sich aus. Um der Sache willen, wie gesagt wird. Das kann produktiv sein; die Tischgenossen mögen kulinarische Mahlzeiten zubereiten. Das schläfert, wie wir wissen, auch ein, macht zufrieden. Niemand will sich die Finger verbrennen, es ist auch nicht mehr nötig. Der Mut zum Risiko sinkt. Niemand wird gern ausgeschlossen, wenn er einmal drinnen ist.

Habermas ist in diesen Betrieb eingestiegen, wenn auch nicht mit Haut und Haar. Tafelnder und Koch, will er, hier ganz Wissenschaftsprofi, den Sinn für die Isolierbarkeit von Wahrheitsfragen, den Sinn für das Diskursive, retten. Er will die gemeinsame Sprache lebendig erhalten in einer Situation, die objektiv dazu zwingt, daß man Wahrheitsfragen nicht vermische mit Gerechtigkeitsfragen und Geschmacksfragen. Nichts vermanschen, ja nichts vermanschen. Nicht alles mit allem in Verbindung bringen: sondern Ausgrenzung. Wissenschaft, Moral und Kunst: getrennt. Oder in Habermas’ Lieblingsvokabel: „abgekoppelt“ – „auch wenn diese immer auch miteinander Kommunizieren“.