Von Rolf Michaelis

Aus Tag nach Tagen besteht denn doch das Leben. Goethe am 21. Juli 1821 an Johann Heinrich Voß

Böse Bücher, verführerische, sind mir in die Hände gekommen. Unscheinbar braun, grau, olivgrün haben sie sich eingeschmuggelt. „Chronik“ lese ich auf dem Titelblatt, oder „Index“, oder „Wörterbuch“.

In diesen Büchern blätternd, die man ja nicht von der ersten bis zur letzten Seite „liest“, sondern in Zweifelsfällen aufschlägt, nur „punktuell“ gebraucht, „gezielt“ benutzt, komme ich nach Stunden wieder zu mir. War weit weg. Habe mit fremd-vertrauten Menschen gelebt, Zitate aus Dichtungen, Fragmente aus Briefen oder Memoiren gelesen, die ich kaum entdeckt hätte, wenn ich für Monate in Archiven oder Bibliotheken vergraben gewesen wäre.

Da heißt es über eine kränkelnden deutschen Dichter, der sich gerade noch mit „kalten Waschungen“ und „Zeitlosentinktur“ kuriert hat, er könne jetzt, im Frühjahr 1848, „nur noch Bücher politischen Inhalts“ lesen. Als nach dem Sturz des Bürgerkönigs Louis Philippe in Paris die Republik ausgerufen und wenige Tage später schon in deutscher Provinz die „fürstliche Kanzlei“ in Brand gesteckt wird, vertraut er seinem Tagebuch an: „Ungeheurer Umschwung in ganz Deutschland.“ Als „schön und erhebend“ empfindet er es am 18. März, daß man den preußischen König zur Huldigung der „Märzgefallenen“ gezwungen hat. „Wer hat sich in diesen paar Wochen nicht größer als sein ganzes Leben lang empfunden!“ gesteht er seinem Freund. Er ärgert sich über konservative Wahlergebnisse in seiner Kleinstadt, lebt „von einem Tag zum andern fast nur in den Zeitungen“ und liest, als die „Constituirende Nationalversammlung“ in Frankfurt zusammenkommt, regelmäßig den „Stenographischen Bericht“ über deren Verhandlungen. Nebenher erfahren wir, wo und wann der geplagte Sympathisant einer deutschen Republik geschröpft wurde, Schmerzen empfand oder um eine Bade- oder Trink-Kur einkam.

In der Chronik von Leben und Werk eines anderen kränkelnden deutschen Dichters, der sieben Jahre vor dem (von ihm nicht sehr geschätzten) Zeitgenossen geboren wurde, erfahren wir, daß sein Wagen, mit dem er in Paris in die Heilanstalt zurückfahren wollte, am 23. Februar 1848 von aufständischen Arbeitern und Bürgern für den „Barrikadenbau verwendet“ wurde. „Der Spektakel hat mich physisch und moralisch sehr heruntergebracht. Ich bin so entmuthigt, wie ich es nie war. Will jetzt ganz ruhig leben und mich um nichts mehr bekümmern.“

Denkt man an den bei uns zur Symbolfigur des unpolitischen Biedermeiers und reimenden Pfarrherrn heruntergekommenen Mörike, wenn man von den Hoffnungen liest, die der dreiundvierzigjährige Dichter im Revolutionsjahr 1848 in Mergentheim nährte? Denkt man an den bei uns als Frühkommunisten verrufenen Heine, wenn man liest, wie der gerade fünfzigjährige Emigrant aus Deutschland die Revolution vor seinem Fenster in Paris kommentiert? „Sie wissen, daß ich kein Republikaner war, und werden nicht erstaunt sein, daß ich noch keiner geworden. Was die Welt jetzt treibt und hofft, ist meinem Herzen völlig fremd ... Ich habe nie meine Gesinnung geändert und habe also auch seit der Februar Revoluzion nichts in meinen Büchern zu ändern.“