Von Hansjakob Stehle

Ob politische Herrschaft durch Philosophen moralisiert werden könnte, wenn nicht gar diesen selbst überlassen werden sollte? Schon im Altertum hat Dionys, der Tyrann, den guten Platon eines schlechteren belehrt. Und Immanuel Kant konnte sich – sechs Jahre nach der französischen Revolution – eher moralische Politiker vorstellen als politische Moralisten, die eine der Staatsraison „zuträgliche“ Ethik schmieden. Schließlich hat unser Jahrhundert seine Erfahrungen mit Ideologie (als Über- und Unterbau) gemacht.

Da hat es heute ein Philosoph, der einer gesellschaftspolitischen Bewegung wie Polens Solidarnosc zu Selbsterkenntnis und Gewissensentscheidung verhelfen will, nicht leicht – zumal wenn er als Katholischer Priester das hohe Seil der politischen Balance betritt. Das Buch von

Jozef Tischner: „Ethik der Solidarität. Prinzipien einer Hoffnung“. Verlag Styria, Graz/Wien/Köln, 160 S., 19,80 DM.

ist kurz vor deren jähem „Sturz“ entstanden, doch es gewinnt vor dem Hintergrund des – und sei es auch vorläufigen – Scheiterns von Solidarność eine erregende Aktualität. Denn neben der ideellen Kraft macht es auch die Grenzen, ja die Ohnmacht dieser Bewegung deutlich. Was Tischner selbst für „Schwächen“ seines in „drängender Zeit“ spontan geschriebenen Textes hält, ist Schwäche und zugleich Stärke einer sozialen Volkserhebung, die eine korrupte Macht aus den Angeln hebt, aber doch nicht ersetzen kann – und

Der Krakauer Philosoph, der auch durch gemeinsames Interesse an deutschen Denkern (Scheler, Husserl) mit Papst Wojtyla verbunden ist, hatte seit 1980 Katheder und Kanzel immer wieder mit der gewerkschaftlichen Arena vertauscht – als pastoraler Ratgeber, der sich der Gefahr eines politischen Klerikalismus bewußt bleibt, aber noch mehr der Risiken einer Gewerkschaftsbewegung, deren Grenzen zur Politik so fließend sind wie zur Religion. Hier fühlt sich der katholische Philosoph zu weitgehender theologischer, ja intellektueller Abstinenz herausgefordert.

Da er vom Volk, von den Arbeitern verstanden werden und doch nicht unter sein Niveau gehen will, bedient er sich einer Redeweise, die zuweilen an Martin Heideggers (von diesem selbst freilich kaum befolgtes) Postulat erinnert: „Das Denken sammelt die Sprache in das einfache Sagen.“ Es erlaubt ihm zugleich, politischen Komplikationen und brisanten Problemen scheinbar aus dem Weg zu gehen, sie nämlich auf eine Weise anzusprechen, die seine polnischen Leser das Ungesagte mitdenken läßt: Simplizität als Chiffre und Verständigungsmittel. Das erschwert zwar dem deutschen Leser die Lektüre, zwingt ihn jedoch zu einer Aufmerksamkeit, die ihn. gleichsam zum Zeugen eines hintergründigen geistigen Abenteuers werden läßt.