Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Wer alt ist und nicht mehr ordentlich sehen kann, braucht zum Lesen eine Brille. Das ist ein Satz, mit dem die Alten vieler Generationen auskommen mußten. Wenn aber die Brille nicht mehr ausreicht? Wenn die schmale Leselupe, die man von Zeile zu Zeile schieben kann, als lästig empfunden wird, weil sie das Lesen zu einem langsamen und mühseligen Buchstabieren macht? Wenn der, dem nur die Wahl zwischen Nichtmehrlesen und Fernsehen bleibt, gar nicht alt ist, also nicht alterssichtig, sondern sehbehindert?

Die klassische Hilfe besteht – außer in der Brille – in Büchern mit größeren Typen, als wir sie gewöhnlich kennen. Manchmal reichen schon antiquarische Bücher aus, sagen wir aus der Zeit der zwanziger Jahre, als man mit dem Papier noch großzügig umging, auch mehr den Geboten der Ästhetik als der rationellen Platzausnutzung folgen konnte und schöne locker gestaltete Seiten mit wenigen Zeilen und viel Durchschuß (wie man die Leerräume dazwischen nennt) aneinanderfügte. Daß diese Bücher den Sehschwachen wohltun, scheint den Satz „Schlechte Augen brauchen große Buchstaben“ zu erschüttern, vermag auf jeden Fall die Unsicherheit um dieses Problem herum zu vermehren. Was brauchen schwache Augen wirklich? Und was heißt: große Buchstaben? Wie groß? Wie beschaffen?

Weil es schwer ist, diese Fragen ohne kostspielige Untersuchungen zu beantworten, der Markt aber offenbar gut ist, wächst die Zahl der Verlage, die Titel in Großschrift oder Großdruck herausbringen, ohne daß diese Bezeichnungen genauer definiert wären. Der Goldmann-Verlag bringt zum Beispiel seit 1981 Taschenbücher heraus, Auflage zwischen 12 000 und 20-000, „die sich an Sehschwache aller Altersstufen“ richten und sich von normalen Taschenbücher tatsächlich nur durch etwas größere Buchstaben unterscheiden, die – wohl durch den Lichtsatz – etwas blaß wirken. Pro Jahr sollen sechs Titel erscheinen, meist heiterer Natur; weil das am besten geht.

Kräftig schwarz (lesbarer?) und von mehr Durchschuß umgeben stehen die Zeilen der „dtvgroßdruck“-Reihe auf festerem, weniger durchsichtigem Papier. Der Verlag betrachtet sie vornehmlich als Dienstleistung und weiß nicht, in wessen Hände diese Bücher geraten. Er kann freilich feststellen, was Erfolg hat: „Krabat“ von Otfried Preussler ist mit 2000 verkauften Exemplaren pro Monat der erfolgreichste Großdrucktitel, gefolgt von Heinrich Bölls „Katharina Blum“. Leserzuschriften und Buchhändlerauskünfte bestätigten die Vermutungen, die sich an diese Tatsachen knüpften: Großdruckbücher werden auch von jungen Menschen gekauft, oft für die alten. Junge Leser schenken also Eltern oder Großeltern das, was ihnen gefällt oder wichtig ist, so daß Großdrucktitel – ein zusätzlicher Effekt – zwischen den Generationen vermitteln.

Freilich: Heiteres und Harmloses wird im Prinzip bevorzugt, doch versucht der dtv soweit wie möglich, sein Programm literarisch zu halten, stellt auch dankbar fest, daß lizenzvergebende Verlage und Autoren eher dazu bereit sind, Texte für diese Reihe zur Verfügung zu stellen. Als Bestätigung aus dem Käuferkreis wird die Bemerkung einer alten Dame aus Hannover zitiert: „Endlich ein Programm, das zugibt, daß bei uns Alten nur die Augen nachlassen, nicht der Kopp.“

Für diese Taschenbücher wird die dtv Standardschrift verwendet, in einem etwas größeren, Grad, der Satzspiegel wird ebenfalls etwas größer gewählt, so daß die ganze Reihe ein größeres Format bekommen hat. Den Herausgebern kommen eigentlich die Seitenränder etwas zu schmal vor. Allzu schmal? Sie wissen es nicht. Sie würden aber alles bedenken, was ihnen Leser schreiben, würden im Rahmen des wirtschaftlich Möglichen ändern und umgestalten.