Kunst, Glücksbotschaften und Philosophie sollen der Verkaufsförderung dienen

Japans Industrie, in vielen Verkaufsschlachten erprobt, eröffnet eine neue Front beim Kampf um den Kunden: „Kulturelles“ soll der Apathie der Konsumgesellschaft ein Ende setzen. Seiji Kurosawa hat die Zeichen der Zeit erkannt: „Die Einstellung des japanisches Volkes zum Alkohol hat sich völlig geändert. Früher konsumierte man Alkohol, um betrunken zu werden, heute, um die Stimmung zu heben.“ Sein Fazit: „Darin drückt sich der Wunsch nach einem reichen geistigen Leben aus.“

Vom geistigen Leben und vom Alkohol versteht Kurosawa gleichermaßen etwas, denn er leitet als Kurator die „Santory-Stiftung für Kultur“ in Osaka, die für Geistiges zuständige Tochter von Japans marktbeherrschendem Whisky-Konzern Santory.

Der Hersteller hochprozentiger Genüsse macht sich schon seit langem um die kulturelle Erbauung des japanischen Volkes verdient. Vor zwanzig Jahren bereits errichtete Santory ein Kunstmuseum in Tokio, das im letzten Jahr immerhin 100 000 Besucher zählte. 1969 folgte ein alljährlicher Stifterpreis für Musikschaffende und vor drei Jahren die „Santory-Stiftung für Kultur“, die mit einem klotzigen Kapital von fünfzehn Millionen Mark ausgestattet ist. Hauptaufgabe: „Förderung des internationalen Verständnisses durch Symposien.“ In diesem Jahr wird bereits das dritte internationale Treffen dieser Art unter dem Motto „Japan spricht“ ausgetragen, es geht um die Deutung des japanischen Wesens, das angeblich für Ausländer und ebenso viele Inländer so schwer verständlich ist.

Warum zeigt sich der Alkoholproduzent so erpicht auf Kulturelles? Dazu Kurator Kurosawa: „Wir möchten nicht nur Alkohol verkaufen, sondern Lebensfreude.“ Damit liegt der Whisky-Konzern im Trend, denn Umsätze und Profite allein machen Nippons Industrie nicht mehr glücklich. Erst Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde sie vom traditionellen Stigma des fünften und letzten Standes während der Feudalzeit befreit, heute streben Japans Firmen nach mehr als schnödem Mammon. Kein Kaufhaus ohne eine für wechselnde Kunstausstellungen reservierte Etage; kaum ein großes Konzert ohne aufdringlich diskrete Finanzhilfe industrieller Förderer.

Die Unternehmen scheuen keine Mühe bei der Hebung des japanischen Kulturniveaus, und das Spektrum ist weit. So widmet sich eine Großbank der Pflanzung von Bäumen in der Steinwüste Tokios; ein Kosmetikhersteller schützt die traditionelle Theaterkunst Nippons vor finanziellem Ausbluten; ein privater Eisenbahnkonzern läßt sich die Verhaltensforschung bei japanischen Affen etwas kosten. Das ebenso mächtige wie anrüchige Buchmachermonopol für Motorbootrennen findet nichts dabei, sich als Saubermann der Nation auf allen Kanälen in Szene zu setzen: Dort wirbt Konzernchef und Mussolini-Verehrer Sasagawa persönlich ausgerechnet für die „Reinhaltung des Wassers“ und predigt: „Wir müssen Vater und Mutter ehren.“ Der Hobby-Moralist zählt über achtzig Lenze.

Dem führenden Autokonzern des Inselreichs, Toyota, ist die Kultur am teuersten: Die acht Jahre alte Toyota-Stiftung ist mit 113 Millionen Mark die kapitalstärkste des Landes, sie versteht sich als uneigennütziger Vermittler zwischen Japan und der Welt. Der Förderungsschwerpunkt steht unter der japanischen Variante des Mottos „Wisse mehr über deinen Nachbarn“. Letztes Jahr tat sich die Stiftung durch die Veröffentlichung südostasiatischer Literatur in japanischer Sprache hervor.