Von Marlies Menge

Ost-Berlin, Ende März

Es war die erste sonnige Frühlingswoche dieses Jahres, als in Dresden die sächsische Evangelische Landessynode tagte, in der Kongreßhalle am Alexanderplatz in Ost-Berlin „Schriftsteller für den Frieden“ zusammentrafen, im „Palast der Republik“ die Volkskammer das neue Wehrdienstgesetz verabschiedete. Auf den ersten Blick drei voneinander unabhängige Veranstaltungen, und doch hatten sie Gemeinsamkeiten: Bei der sächsischen Landessynode wurde den Teilnehmern bekanntgegeben, daß die DDR-Regierung das Tragen der kirchlichen Friedensaufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ verboten hat. Bei den Schriftstellern widerlegte ein junger Dichter in Uniform und mit dünnen Versen die biblische Losung der Aufnäher. Und bei der Volkskammer-Tagung konnte sich auch Armeegeneral und Verteidigungsminister Hoffmann bei der Erläuterung des neuen Wehrdienstgesetzes eine Zurechtweisung der christlichen Pazifisten nicht verkneifen: „Noch braucht der Sozialismus, braucht der Frieden unsere Pflugscharen und unsere Schwerter.“

„Man könnte meinen, die Machtübernahme der Pflugscharen-Anhänger in der DDR hätte kurz bevorgestanden“, spottete ein Mann, Vater von drei Jugendlichen, von denen zwei den Aufnäher auf ihren Jacken tragen, die Tochter nur deshalb nicht, weil sie keinen mehr bekommen hatte. (Verteilt wurden die Zeichen von den Kirchen, und sie waren schnell vergriffen.) „Nun werden sie sie wohl abtrennen müssen“, meint der Vater realistisch. „Schließlich wollen die Kinder nicht die Lehrstelle verlieren oder von der Schule verwiesen werden, was ja offiziell angedroht worden ist.“

Eher gelassen aufgenommen hat die Bevölkerung das neue Grenzgesetz, das von der Volkskammer letzte Woche verabschiedet worden ist. „Da wurde nur noch legalisiert, was seit langem besteht. Noch dazu fast im gleichen Wortlaut wie die Schußwaffenbestimmung eures Bundesgrenzschutzes“, sagte mir ein Bekannter, der die Kommentare westlicher Medien verfolgt hatte. Viele hatten erwartet, die Volkskammer würde die Wehrpflicht verlängern. „Das ist nicht passiert. Dafür müssen die Reservisten mehr ran“, weiß einer, der davon betroffen ist. „Was soll man machen: Jetzt kommen die geburtenschwachen Jahrgänge, und wir müssen unser Soll im Warschauer Pakt erfüllen!“ Seine Frau regt sich darüber auf, daß Wehrpflicht nicht mehr nur „Ehrenpflicht“ ist, sondern neuerdings das „Redit“ eines jeden Bürgers: „Auf ein Recht muß ich doch schließlich auch verzichten dürfen, oder? Ich habe zum Beispiel das Recht zu verreisen, aber bin ich deshalb vielleicht gezwungen, meine Wohnung für eine bestimmte Zeit im Jahr zu verlassen?“

Frauen interessiert das neue Wehrdienstgesetz nicht mehr nur als Mütter und Ehefrauen, sie sind jetzt Betroffene. Bisher war es ähnlich wie bei uns: Frauen konnten im Ernstfall nur für medizinische und technische Dienste oder andere Sonderdienste herangezogen werden. Künftig haben die Frauen in der DDR zwischen 18 und 50 Jahren „bei Mobilmachung oder im Verteidigungsfall“ damit zu rechnen, zur Waffe greifen zu müssen. „Und die Frauen in der Volkskammer haben natürlich alle, alle dafür gestimmt,“ beklagte sich bitter eine Bekannte. „Als ob es ganz selbstverständlich für eine Frau wäre, eine Knarre in die Hand zu nehmen. Vermutlich halten die das noch für ein Zeichen von Emanzipation.“

Daß vom 1. Mai an alle Schulen, Hochschulen, Betriebe und Organisationen zur „Vorbereitung auf den Wehrdienst“ gesetzlich verpflichtet sind, empfinden viele DDR-Bürger sicherlich nur als nachträgliche Legalisierung eines Zustandes, der längst besteht. „Was hieß denn schon freiwillig?“ fragte eine Frau, Mutter von zwei Kindern. „Es hat sich auch in der Vergangenheit kaum ein Kind getraut, sich von der vormilitärischen Ausbildung auszuschließen. Das gab doch gleich Riesentheater! Jetzt ist es wenigstens ehrlich.“