Über Hexen und Hexenprozesse ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Eine Reihe von Autoren hat dabei auf die Sensationslust des Lesers spekuliert, der bei angenehmen Schaudern selbstgefällig resümiert, daß heutzutage so etwas nicht mehr passieren könne.

Von ganz anderer Art und Absicht ist der Roman einer Schweizer Autorin –

Eveline Hasler: „Anna Göldin – Letzte Hexe“; Verlag Benziger, Zürich, Köln; 240 S., 28,80 DM.

Die Geschichte der Anna Göldin, Dienstmagd, die 1782 im Kanton Glarus als Hexe hingerichtet wird, hat exemplarische Bedeutung. Die zeitgenössische Presse (Göttinger „Staatsanzeiger“) reagiert auf diesen Fall mit dem Begriff „Justizmord“. Anna gerät in die Mühlen eines von Standesdünkel und Bigotterie bestimmten Justizsystems. Die Tragödie beginnt, als die Tochter von Annas Dienstherrn hysterische Anfälle bekommt: Das Kind des Arztes und Richters Tschudi spuckt mehr als hundert Stecknadeln aus, Ärzte, Eltern, wohlmeinende Bekannte wissen angesichts dieser rätselhaften Krankheit keinen Rat. Man sucht einen Sündenbock und findet ihn rasch in der Person der Magd, die das Kind „verderbt“ haben soll.

Der Autorin ist es nicht um die Aufklärung des merkwürdigen Nadelspuckens zu tun. Dieser Aspekt des authentischen Falles wird eher beiläufig abgehandelt.

Es geht in diesem Roman vor allem um die Erhellung des Lebensschicksals einer ungebildeten, aber tüchtigen Frau aus der Unterschicht. Anna Göldin wird es letztlich zum Verhängnis, daß sie Frau und Magd ist – nicht bereit, Standesgrenzen und Rollenvorstellungen ihrer Zeit und Umwelt zu akzeptieren.

Wir erfahren viel über den Kampf der Göldin um Glück und Liebe. Zweimal hat Anna vor ihrer Dienstzeit im Hause des Richters Tschudi ein uneheliches Kind zur Welt gebracht. Der Vater dieses ersten Kindes, ein Handwerksbursche, hat sich davongemacht; das Kind ist kurz nach der heimlichen Geburt in der Mägdekammer eines Pfarrhauses erstickt. Der Vater des zweiten Kindes, junger Herr aus gutem Haus, findet es unter Stand, eine Dienstmagd zu ehelichen.