In den ersten Morgenstunden des 23. März wurden die Anschlüsse für Wasser, Gas und Elektrizität gekappt; dann leerten fünfzig Männer des städtischen Hochbauamtes die ehemalige Fabrik von allem, was nicht niet- und nagelfest war – mit der Druckerei und einem Kassenschrank taten sie sich schwer –, und transportierten es in 13 Lastwagen, 70 Containern und 200 Säcken ab. Um sieben Uhr begannen die Abbruchhämmer zu wirken, und gegen Abend hatten sie ganze Arbeit geleistet: Die Polizeigrenadiere mit Helm, geflochtenem Schild und Plexiglasmaske hatten nur noch einen Trümmerhaufen zu bewachen. Auf der andern Straßenseite standen Jugendliche wie gelähmt in einer langen Reihe, während die „Gaffer“ kamen und gingen; ein durchhängendes Transparent meldete die „Endlösung der Jugendfrage“.

Am gleichen Vormittag gab der abtretende Stadtpräsident in einer Pressekonferenz das definitive „Scheitern des AJZ-Experiments“ bekannt; man vernahm von der Absicht, das planierte Areal vorerst zur Grünanlage herzurichten „mit Büschen und Bäumen und einigen Sitzgelegenheiten“. Für später werde an eine Überbauung mit 80 Wohnungen gedacht, „davon vier für Wohngemeinschaften“, mit Räumen für Kleinhandwerk, einer Cafeteria, Bastelräumen und Beatkeller. Sozusagen ein amtlicher Gegenvorschlag zum AJZ, die gutschweizerische Alternative zum Chaos: Wenn hier schon begrünt und gewohnt werden soll, dann bitte anständig. Die unruhige Jugend, die Drogenkranken? Nun ja, für die würde man, wie bisher, das Beste tun, vielleicht sogar etwas mehr.

Die Abbruch-Order war, so vernahm man bei dieser Pressekonferenz, eigentlich schon lange ausgegeben worden. Nur war dann das Angebot einer aus beiden zürcherischen Landeskirchen und der Organisation „Pro Juventute“ gebildeten „Trägerschaft“ dazwischengekommen, eine Art gesellschaftliche, aber nicht staatliche Verantwortung für das Autonome Jugendzentrum zu übernehmen. Ein früheres Angebot der sozialdemokratischen Stadtpartei hatte man scheitern lassen können; dieses unpolitisch-respektable hatte aufschiebende Wirkung. Im prekären – auch von der „Bewegung“ selbst angefochtenen – Schutz dieser Trägerschaft wurde im AJZ monatelang investiert: von den Benützern selbstorganisierte Aufbauarbeit – vom Restaurationsbetrieb bis zur Drogenberatung – und weit über eine Million an Steuer- und Spendengeldern (darunter ein Legat der Witwe des Schauspielers Heinrich Gretler) – zu viel für ein Projekt, mit dem die Behörden nichts Gutes im Sinn hatten; bei weitem zu wenig für die Deckung der wirklichen Bedürfnisse.

Nun zeichnete sich also in der ausgedienten Fabrik der gefürchtete „rechtsfreie Raum“ an; den man nicht nur anders hätte bezeichnen, sondern anders hätte verstehen müssen, um den heftig aufbrechenden Problemen beizukommen – die offizielle Sozialpolitik war mit ihnen ja so wenig fertig geworden wie die „Autonomen“. Den Raum zum Versuch, den sie dringend gebraucht hätten, ließ man ihnen nie anders als halben und ergrimmten Herzens und vergaß ihnen nicht, daß dieser Raum erzwungen worden war. Die politisch bequeme Entrüstung blieb auf der Lauer, sie war in einem Wahljahr auch zu verlockend.

Die Überforderung der engagierten Leute durch den Zulauf Heroin- und Alkoholsüchtiger wurde mit der Zeit so erdrückend, daß die „Bewegung“ im AJZ selbst der Lähmung und Entmutigung wich. Weder konnte man die Junkies integrieren, noch wollte man sie ausstoßen. Versuche, das Problem durch dramatische Schritte zu veröffentlichen – freiwillige Schließung des Hauses auf Zeit, Bereitstellung eines eigenen Fixer-Raums, Organisation einer Drogen-Woche –, liefen regelmäßig ins Messer öffentlicher Verständnislosigkeit. Immer mehr blieben die ursprünglich Aktiven dem AJZ fern und die Drogen-Szene unter sich. Diejenigen, für die das Jugendhaus nie etwas anderes gewesen war als ein Dorn im Fleisch, brauchten es nur in seinem eigenen Saft (ver)schmoren zu lassen und konnten außerdem kostenlos ihre politischen Süppchen daran kochen.

Der Rechtsrutsch bei den jüngsten Stadtrat- und Gemeinderatswahlen blieb nicht aus und machte die Bahn frei für einen „Neuanfang“. Die Trägerschaft hatte in der Vorwoche unter dem Gewicht der Probleme abgedankt: konservative Gruppen innerhalb der Kirche blockierten unentbehrliche Kredite; der Kanton verweigerte der „Beizengruppe“ das notwendige Wirte-Patent; das von allen guten Geistern verlassene AJZ wurde jetzt von bewaffneten Dealern beherrscht, denen die Polizei eigentümlich wehrlos gegenüberstand.

Für die terrorisierte Nachbarschaft waren die Verhältnisse so unerträglich geworden, daß die „Lösung“ durch den Bulldozer zum Sachzwang heranreifte. Wenn es weiterer Gründe bedurft hätte, so lieferten sie die Jugendlichen prompt, indem sie den um das AJZ errichteten Bretterzaun niederrissen und verbrannten. Nun konnte die Liegenschaft wegen „Hausfriedensbruch“ per Razzia von Menschen geräumt werden. Als der Stadtrat am Freitag vor dem Abbruch erklären ließ, seine Sitzung habe „noch keinen Entscheid über das weitere Schicksal des AJZ“ gebracht, waren die Abbruchkolonnen für die Montagnacht schon bestellt.