Die ersten Menschen, diese noch völlig in die Natur eingebetteten Geschöpfe, wußten doch gewiß immer, welche Speisen ihnen bekamen? Wahrscheinlich nicht. Das jedenfalls legt der Mitte März veröffentlichte Bericht dreier Forscher in der englischen Fachzeitschrift Nature nahe. Richard Leakey, erfolgreicher Sproß einer berühmten kenianischen Anthropologenfamilie, und seine beiden amerikanischen Kollegen Alan Walker und M. R. Zimmermann stützen ihre Zweifel an der heilen, gesunden Steinzeitwelt auf sorgsame Untersuchungen eines etwa anderthalb Millionen Jahre alten Skeletts.

Das Gerippe stammt von einer Homo-erectus-Frau, die einst in der Nähe des Turkana-Sees im Nordosten Kenias lebte. Es ist das vollständigste bekannte Knochengerüst eines Homo erectus.

Bis auf die Schädelknochen sehen die meisten Skeletteile eher ungewöhnlich aus. Die äußeren Schichten einer Knochenprobe aus dem Hüftbein etwa sind abnorm grob – so, als hätte ihre einstige Besitzerin an einer schweren Knochenkrankheit gelitten.

Der Anatom Walker, der Pathologe Zimmermann und der Paläoanthropologe Leakey können sich zwei Ursachen für die Deformation denken: Entweder litt die Erectus-Frau an einem inzwischen verschwundenen Leiden (das weder bestätigt noch ausgeschlossen werden kann), oder aber die Krankheit befällt auch heute noch Menschen. Das Forschertrio verglich die Verformungen an den Uraltknochen mit jenen, die durch verschiedene moderne Krankheiten ausgelöst werden. Seine Diagnose: chronische Vitamin-A-Vergiftung.

Dieses Leiden tritt bei Erwachsenen relativ selten auf, befällt jedoch recht häufig Kinder. In der chronischen Form wird hauptsächlich das Skelett betroffen. Dann zeigen die langen Arm- und Beinknochen ähnliche Mißbildungen wie jene, die an dem Homo-erectus-Skelett zu sehen sind.

Die Diagnose ist freilich nicht eindeutig. Denn insgesamt sind nur 17 Fälle von Erwachsenen mit chronischer Vitamin-A-Vergiftung bekannt (und nur in drei Fällen konnten eindeutig Knochenveränderungen registriert werden). Da jedoch keine andere moderne Knochenkrankheit den Urmenschen-Symptomen näherkommt, bleiben die drei Forscher bei ihrer Diagnose.

Sie spekulieren sogar über die Ursache der Krankheit: Möglicherweise lebte die Erectus-Frau in genau jener Zeit, als diese frühe Menschenart ihre Ernährung von reiner Pflanzenkost auf eine Mischdiät mit Fleisch umstellte.

Fleisch – vor allem Leber – ist reicher an Vitamin A als pflanzliche Nahrung. Und die Leber von Raubtieren enthält mehr Vitamin A als jene von Pflanzenfressern. Hatte also Homo erectus eine spezielle Vorliebe für Raubtierleber? Schon möglich, sagen Leakey & Co., und verweisen auf das Schicksal der ersten Polarforscher, die krank wurden, nachdem sie die Leber von Eisbären, Robben und Schlittenhunden gegessen hatten. Erst später war dann entdeckt worden, daß ihre Krankheit von dem hohen Vitamin-A-Gehalt in diesen Tierlebern herrührte. Judy Redfearn