Von François Bondy

Der Titel dieses Buches frappiert – ein „Oxymoron“ nennt die Rhetorik solchen Selbstwiderspruch. Er meint, daß erst der Rückblick die Möglichkeit einer Vorschau eröffne:

„Rückblick in die Zukunft. Beiträge zur Lage in den achtziger Jahren“, hrsg. von Hans Rössner; Verlag Severin und Siedler, Berlin 1981; 377 S., 38,– DM.

An die Spitze dieses schriftlichen, ja festschriftlichen Symposions, das Peter von Siemens gewidmet ist, setzt der Herausgeber, zugleich Autor eines einleitenden Essays und eines Nachworts, denn auch Goethes Zeilen aus dem West-östlichen Divan: „Wer nicht von dreitausend Jahren / sich weiß Rechenschaft zu geben, / bleibt im Dunkeln unerfahren, / mag von Tag zu Tage leben.“

Ein „Symposion“ setzte einst voraus, daß die Teilnehmer über Dinge redeten, die alle verstehen. Das gilt hier für die vier Aufsätze zur „Kritischen Zeitbeschreibung“, doch nur zum Teil für die der Wirtschaft, der Forschung, den Künsten gewidmeten Abschnitte. Könnten wohl Chemie-Nobelpreisträger Manfred Eigen, der das Gestaltproblem in der Biologie darstellt, und der Komponist György Ligen, der über Musik und Technik schreibt, einander ganz verstehen – gar beurteilen?

Nur ein Kollektiv wäre deshalb wohl imstande, diese sechzehn Aufsätze in ihrer Gänze zu rezensieren. Lord Snow beklagte einst die Kluft zwischen den „zwei Kulturen“. Hier sind es mit Naturwissenschaft, Künsten und politischem Denken mindestens ihrer drei. Mögen sie auch vielfach verbunden sein – für einen einzelnen überschaubar sind sie nicht.

Die vier Aufsätze der ersten Gruppe ergeben jedoch wie von selbst einen Dialog und ermutigen zum Mitreden: Leszek Kolakowski bekennt sich zu einem bestimmten Eurozentrismus; Golo Mann erwägt die Macht und Ohnmacht politischer Theorien; Karl Dietrich Bracher untersucht die Krise der Fortschrittsideologie; Ralf Dahrendorf sieht im Verlust von Bindungen, die er „Ligaturen“ nennt, eine Verfinsterung der Modernität.