Von Klaus J. Bade

Der Haussegen hängt schief in der Bundesrepublik. Xenophobie schleicht um die Gassen der Ausländergettos. Falsche Propheten machen mit gefährlich einschlägigen Vorstellungen von sich reden. Die Zahl ihrer Anhänger ist noch ungewiß, aber der Konflikt wird emsig vorprogrammiert. Steht der häßliche Deutsche wieder auf, volkstümelnd, rassenkundig und brutal? Die Fronten sind abgesteckt: „Ausländer raus!“, jedenfalls nicht rein ins deutsche „Volkstum“, heißt die Parole der einen Seite. Die „Gastarbeiterfrage“ sei längst ein Einwanderungsproblem, heißt die Auskunft der anderen, vorwiegend sozialwissenschaftlichen Seiten. Noch ist die große Mitte ruhig. Vielleicht nur noch auf Zeit: Denn diese Frage könnte die Nation in feindliche Lager spalten, um so leichter, je mehr aufgeputschte Emotionen an die Stelle rationaler Argumentation und, notfalls, auch Konfliktbewältigung treten.

Die „Gastarbeiter“ seien zu einer „Einwandererminorität in der Sozialstruktur der Bundesrepublik“ geworden, ohne daß sich diese der Einwanderungssituation bisher genügend bewußt wurde“. Das ist das Fazit eines von dem Soziologen Friedrich Heckmann unter dem provozierenden Titel „Die Bundesrepublik: Ein Einwanderungsland?“ vorgelegten Buches, das die „Gastarbeiterfrage“ erstmals und grundlegend aus der Sicht der Minderheitensoziologie analysiert. Der letzte Satz dieser Pionierstudie faßt eine dramatische Perspektive in die nüchterne Prosa der empirischen Sozialforschung.

Irreversibel sei sie nicht, diese Einwanderungsfrage: „Dramatische oder kontinuierlich fortschreitende Verschärfungen der ökonomischen politischen Lage“, verbunden mit nationalen Bewegungen in ihrer Folge“, können zu Maßnahmen gegen die Gastarbeiterbevölkerung führen, die darauf abzielen, ihr Verbleiben in der Bundesrepublik insgesamt zu verhindern. Wegen der bei einem Großteil der Gastarbeiterbevölkerung objektiv bestehenden Anbindungen an die Zuwanderergesellschaft und der enormen Schwierigkeiten einer Reintegration in die Herkunftsgesellschaft müßten diese Prozesse allerdings notwendig ein starkes Maß an Gewalt implizieren und würden für viele Gastarbeiter und ihre Familien einer Vertreibung gleich- oder nahekommen.

Das Problem hat Geschichte, auch in diesem Lande. Es stellt sich heute nur anders: Die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei, stand nach der Jahrhundertwende schon einmal zur Debatte. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg vollzog sich in Deutschland der Umbruch vom Auswanderungsland mit nach Millionen zählenden Auswanderern zum „unechten“ Einwanderungsland mit rund einer Million ausländischer Land- und Industriearbeiter. Sie durften damals nicht Einwanderer werden, mußten „ausländische Wanderarbeiter“ bleiben; denn Deutschland wandelte sich in diesem Umbruch nicht zu einem echten Einwanderungsland im Sinne jener Tradition klassischer Einwanderungsländer, daß Arbeit für das Einwanderungsland zu Staatsbürgerrechten führen kann. Es wandelte sich nur zu dem, was die zeitgenössische Diskussion „Arbeitseinfuhrland“ nannte.

Einen materialgesättigten Überblick über die Entwicklung von Ausländerpolitik und Ausländerrecht vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik bietet Kurt Dohse in seinem Buch „Ausländische Arbeiter und bürgerlicher Staat“. Es ist freilich noch nicht jene Gesamtdarstellung der Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland im Wandel vom Auswanderungsland des 19. Jahrhunderts zum „Einwanderungsland Bundesrepublik“, die notwendig wäre. Auch Deutschland war ja im 19. Jahrhundert zunächst ein Auswanderungsland: Insgesamt fast sechs Millionen Deutsche gingen nach Übersee, vor allem in die USA, weil dem Wachstum der Bevölkerung nicht genügend Arbeitsmöglichkeiten entsprachen. Das änderte sich Mitte der 1890er Jahre: Es begann die bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs anhaltende Phase industrieller Hochkonjunktur. Das Angebot an Arbeitsplätzen stieg stark an. An die Stelle der Überseeauswanderung trat die „Landflucht“ in die städtisch-industriellen Ballungsräume.

In dieser Phase aber war der wachsende industrielle Arbeitskräftebedarf, trotz des massenhaften Zustroms aus der Landwirtschaft, schon bald nicht mehr mit einheimischen Kräften zu decken. Die „Landflucht“ wiederum riß Lücken in den landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt. Die großen Güter im preußischen Osten suchten Landarbeiter, Industrie, Straßen- und Kanalbau meldeten steigenden Zusatzbedarf an Arbeitskräften. Seit den 1890er Jahren wurde deshalb die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte nach Deutschland, vor allem nach Preußen, zur Massenbewegung. Im letzten Jahrzehnt vor dem Weltkrieg strebte sie zügig der Millionengrenze zu.