Von Mäusen, Menschen und Katzen

Wenn es um Mäuse geht, waren sich Katze und Mensch schon immer weitgehend in ihrer Abneigung einig. Auch mögen sich Vertreter der beiden so verschiedenartig erscheinenden Spezies Homo sapiens und Felix catus, wie unsere Hauskatze mit wissenschaftlichem Namen heißt, meist mit einer artüberschreitenden Zärtlichkeit, die Mäusen, so sie dies wahrnehmen könnten, pervers erscheinen müßte.

Derlei Zuneigung auf genetische Verwandtschaftsbeziehungen zurückzuführen, erscheint auf den ersten Blick hanebüchen. Aber immerhin gibt es gewisse erbliche Ähnlichkeiten, und sie sind größer, als wohl selbst eingefleischte Katzenfreunde bislang geglaubt haben.

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Nach Darwins Evolutionstheorie stammen alle Lebewesen von einem gemeinsamen Vorfahren, und alle Säugetiere – inklusive des Primaten Homo sapiens – von einem Ur-Säuger ab. Den Daten der Evolutionsbiologen zufolge trennten sich die Wege der Primaten und der Katzenartigen schon vor rund 80 Millionen Jahren, als sich ihre Entwicklungslinien von einem nagetierähnlichen Urahn abspalteten.

Nach einer so lange getrennten Entwicklung sollten eigentlich die Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Katze auf wenige wesentliche Grundeigenschaften aller Säugetiere geschrumpft sein. Dies legt auch die äußere Gestalt und das Verhalten beider Spezies nahe. Als freilich die beiden Genetiker Stephen O’Brien und William Nash vom Nationalen Krebsinstitut der Vereinigten Staaten in Frederick, Maryland, die erste einigermaßen vollständige Gen-Karte der Hauskatze erarbeitet hatten und dann mit den entsprechenden Erbgut-Mustern von Menschen und Mäusen verglichen, erlebten sie eine Überraschung: Wie sie im amerikanischen Fachblatt Science vom 16. April berichten, fanden sie eine „auffällige Ähnlichkeit“ bei der Anordnung besonders wichtiger Gen-Gruppen in den Chromosomen von Mensch und Katze.

Die beiden Genetiker beteiligten sich mit einer ziemlich langwierigen Untersuchung an der nun schon acht Jahrzehnte währenden Sisyphusarbeit ihrer Zunft. Bei der Suche nach dem Stoff, der die Erbinformationen trägt, stießen die Wissenschaftler zunächst auf die Chromosomen. Diese fadenförmigen Bestandteile des Zellkerns sind, wie der amerikanische Biologe W. S. Sutton schon 1902 vermutete, in einzelne Erbgut-Abschnitte, eben Gene, unterteilt. Mit dem phänomenalen Aufstieg der modernen Genetik wurden im letzten halben Jahrhundert immer mehr Gene und gemeinsam agierende Gen-Gruppen lokalisiert – bei Pflanzen, Tieren und beim Menschen. Solche Gen-Karten eignen sich nicht nur zur Unterscheidung verschiedener Chromosomen und Chromosomen-Regionen desselben Organismus. Zusammen mit den typischen Streifenmustern der Chromosomen jeder Organismen-Art erlauben Gen-Karten auch Vergleiche zwischen der Erbgut-Anordnung verschiedener Spezies.

Aus den bescheidenen Anfängen entwickelte sich inzwischen eine machtvolle Methode, die einen intimen Einblick in die Mikrostruktur der Erblandschaft und damit in die Geheimnisse der Evolution ermöglicht: Vergleichende Gen-Kartierungen enthüllten mehr noch als morphologische und physiologische Untersuchungen Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen verschiedenen Spezies – und sie geben überdies Hinweise auf die Entwicklungsgeschichte der jeweiligen Arten.

Heute wissen die Genetiker, daß es während der Ausbreitung der Säugetiere durch Anpassung an neue Lebensräume zu bemerkenswert vielen Veränderungen auf genetischer Ebene gekommen ist: Chromosomen verdoppelten sich und wechselten ihre Position im Zellkern, einzelne Chromosomen-Abschnitte drehten sich um und fanden sich zu neuen Anordnungen zusammen, so daß die Gene im Lauf der Jahrmillionen mächtig durchmischt wurden. Dennoch lief diese Gen-Mischerei nicht völlig zufällig ab. Bestimmte Gene und Gen-Gruppen sind nämlich als sogenannte Struktur-Gene entscheidend wichtig für den Aufbau bestimmten Wirkstoffe oder Gewebe. So finden sich Gene, in denen die Erbinformationen für gewisse lebenswichtige Enzyme gespeichert sind, in allen Spezies einer zusammengehörenden Ordnung oder gar Klasse.

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