Von Helmut Schmidt

Auf einem Küchentisch in Berlin ist Otto Hahn und Lise Meitner die erste künstlich herbeigeführte Spaltung eines Atoms gelungen. Wenige Jahre später explodierten die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Seither hat sich das Kernwaffenarsenal der Atommächte ins Ungeheuerliche, ins Unvorstellbare gesteigert, Ohne die vorangegangene wissenschaftliche Leistung zweier Forscher hätte die Frage nach der Bewahrung des Friedens in der Gegenwart kaum gleichzeitig zur Frage nach der Überlebenschance der menschlichen Spezies werden können.

Die vielfach aufgeworfene Frage ist also, ob Otto Hahn und Lise Meitner dafür Verantwortung tragen. Gesetzt den Fall, die Frage nach der Verantwortung wäre – jedenfalls zu einem Teil – mit „Ja,“ zu beantworten: Wie sollte es eigentlich ein einzelner Forscher moralisch ertragen können, im Schatten derartiger Gefährdung und eines möglichen moralischen Vorwurfs noch Grundlagenforschung oder angewandte Forschung zu betreiben?

Ich will ein anderes Beispiel wählen, das nicht ganz so spektakulär zu sein scheint, jedenfalls nicht tödlich im physischen Sinne wie das erste, aber doch von sehr weitreichenden, bisher keineswegs abgeschätzten Folgen: Ohne die Leistung der Forschung, ohne die Leistung einzelner Forscher und Wissenschaftler wären die Grundlagen der Mikroelektronik nicht gelegt worden.

Ich beschränke mich jetzt ausschließlich auf den Bereich der sogenannten Informations- und Unterhaltungselektronik als Folge dieser wissenschaftlichen Durchbrüche. Ich fürchte, daß die Anwendung, die uferlose, schnelle Ausbreitung dieser neuen Techniken dazu führt, daß das in Auflösung geraten kann, was ich andernorts die „Lesekultur“ genannt habe.

Die Menschen in der heutigen, technisch-wissenschaftlich geprägten Welt – eng aufeinandersitzend, auf engem Raum in immer größerer Zahl lebend – werden überschwemmt durch eine Fülle von Bildern und Buchstaben, von sogenannten „Informationen“.

Selbst diejenigen, die sich der Mühe des Lesens tatsächlich unterziehen wollen, müssen einen immer größeren Teil ihrer Zeit und ihrer Arbeitskraft darauf verwenden, das Unwichtige auszusondern und das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden. Häufig bleibt dann nur noch die Gelegenheit zum kondensierenden Überfliegen.