Es gibt Bücher, die es gar nicht gibt. Seit dreißig Jahren, ein Menschenalter lang, reden Philosophen und Literaten von einem Buch, das niemand kennt, von dem nur einzelne Sätze zitiert wurden und das doch, als Gerücht, lebendiger war und ist als viele Schriften in hoher Auflage. Auch sein Verfasser, als er in der Nacht zum 27. September 1940, auf der Flucht vor den Nazis, im spanischen Grenzort Port Bou, 48 Jahre alt, Gift nahm, wußte nicht mehr, als daß aus den Tausenden von Notizen und Exzerpten, die er in der „Bibliotheque Nationale“ in Paris zurückgelassen hatte, das Hauptbuch seines Lebens hätte werden sollen, an dem er seit 1927, dreizehn Jahre lang, gearbeitet hatte.

Nun ist dieses Buch erschienen. Ist es das von Legenden umrankte Werk, von dem gemunkelt wurde, Benjamin habe die Materialien dazu in einem Koffer mit sich geschleppt, als er über die Pyrenäen fliehen wollte? Ist es das Hauptbuch, von dem sein Autor geträumt hat, auf das alle an deutscher Literatur und Philosophie interessierten Leser gewartet haben?

Mit zitternden Händen nimmt man die Kassette in Empfang, die nach Jahren der Planung, der Entzifferung der mikroskopisch kleinen Handschrift, der Ordnung von Notizen und Zitaten als fünfter (Doppel-)Band der „Gesammelten Schriften“ erscheint, unter dem schon in die Literatur- und Philosophie-Geschichte eingegangenen Titel: „Das Passagen-Werk“ von Walter Benjamin (herausgegeben von Rolf Tiedemann; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 1380 Seiten, 148 Mark).

„Passagen“: der Titel zielt auf die wieder in Mode kommenden, überdachten Ladenpassagen und Einkaufsstraßen. Ausgehend von dieser städtebaulichen Eigenart des frühen neunzehnten Jahrhunderts wollte Benjamin, über Straßen und Warenhäuser, Panoramen und Weltausstellungen, über Mode, Prostitution und Reklame nachdenkend, eine „dialektische Feerie“ entwerfen und eine materiale Geschichtsphilosophie des kapitalistischen Zeitalters schreiben.

Dies ist kein Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite liest. Aber eines, in dem man lebenslang lesen und lernen kann – vergleichbar Montaignes „Essais“, Pascals „Pensées“, Lichtenbergs „Sudelbüchern“, Friedrich Schlegels „Literarischen Notizbüchern“, Nietzsches „Wille zur Macht“.

Ehe man sich, mit ästhetischem Wohlgefallen, dem fragmentarischen Charakter dieser Gedankensplitter überläßt, sei der existentielle, der tödliche Anlaß dieses nur als Bruchstück vorliegenden Werkes bedacht – auch wenn anzunehmen ist, daß der als Wissenschaftler, Kritiker und Sprachkünstler in gleicher Weise begabte Autor ein Buch über Paris, „die Hauptstadt des zwanzigsten Jahrhunderts“, nicht in historischem oder stilistischem Nacheinander erzählt, sondern sich an einer Einsicht orientiert hätte, die er einmal so formuliert: „In den Gebieten, mit denen wir es zu tun haben, gibt es Erkenntnis nur blitzhaft. Der Text ist der langnachrollende Donner.“

Von solch blitzhaften Einfällen wird das „Passagen-Werk“ erhellt Doch verfehlt man den aufklärerischen Impuls dieser eigene Beobachtungen und Zitate aus oft ganz versunkenen Büchern geduldig sammelnden Schrift, wenn man nur auf „Stellen“ aus ist, auf Aphorismen und Maximen, von denen das Buch funkelt. In einem Fragment gebliebenen Buch, das man nicht als Steinbruch aus Zitaten, nicht als Zettelkasten-Archiv abtun darf, geht oft von scheinbar sinn- oder zusammenhanglosen Bemerkungen, Einwürfen, Fragen, Andeutungen eine Energie aus, die der Leser, der hier zum Mit- und Nach-Denker wird, aufnehmen kann.

Über dieses Buch hat es, lange ehe es erschienen ist, gelehrten und giftigen und politischen Streit gegeben, weil Teile des Nachlasses von Benjamin in Potsdam liegen, unerreichbar für Benjamins Freund und Nachlaßverwalter im Westen, den inzwischen verstorbenen Theodor W. Adorno, und seine Nachfolger als Herausgeber. Jetzt könnte die wirkliche Auseinandersetzung mit Benjamins Hauptbuch beginnen, in dem diesem Buch angemessenen Rhythmus des genau beobachtenden Flaneurs, wie ihn Walter Benjamin sich vorstellt: „1839 war es elegant, beim Promenieren eine Schildkröte mit sich zu führen. Das gibt einen Begriff des Flanierens in den Passagen.“

Rolf Michaelis