Das Kind vom Bahnhof ZooDas zweite Elend der Christiane F.

Der schwere Weg in ein normales Leben von Claudia Sanfter

Von Claudia Sautter

Fast drei Wochen ließ sie mich hängen. Sie schnauzte mich an, wenn ich sie um zwölf Uhr mittags anrief anstatt um vier Uhr, wenn sie aufsteht. Sie leugnete, daß sie je mit mir telephoniert hätte, und verschob den Gesprächstermin wie eine Diva – willkürlich und mit fadenscheinigen Gründen.

Als sie dann endlich vor mir steht, glaube ich an eine Sinnestäuschung. Das soll das Mädchen sein, das jahrelang Heroin gespritzt hat? Das auf den Babystrich ging? Seine Freunde sterben sah und alle seelischen Verwundungen erlitten hat, die ein solches Leben verursacht? Von ihrem Gesicht ist keine dieser Erfahrungen abzulesen – es ist unberührt. Sie sähe wie ein Botticelli-Engel aus, wäre da nicht der modische Punk-Besen auf dem Kopf. Zyniker könnten Christiane F. für eine von zwei cleveren Journalisten erfundene Figur halten.

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Im Mai 1977 – so steht es in ihrem Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – hat sie begriffen, daß sie mit dem Fixen aufhören muß, wenn sie überleben will. Das ist fünf Jahre her. Über die Leidensstationen ihres Entzugs können inzwischen Jugendliche und Eltern scheinbar sachkundig diskutieren – das Buch erscheint in der zwölften Auflage –, und wer sich das geschriebene Wort nicht plastisch genug auszumalen vermag, dem verhilft ein Film zum distanzierten Gruseln. Das jedenfalls meint Christiane, wenn sie sich heute über den Film äußert. Sie kritisiert, daß er ein „Schocker“ sei, von einem gedreht, der die Fixer-Szene nicht wirklich kennt. „Das wird Ihnen jeder Drogenberater bestätigen. So ein Thema kann man nicht wie einen Spielfilm aufziehen.“

Wie dann?

„Dokumentarisch, in Schwarzweiß, mit echten Fixern.“

Christiane F., die Zwanzigjährige, ein Kind mit Vergangenheit. Sie wurde zum Symbol und zur öffentlichen Figur. Der Punkt hinter dem F. machte sie noch exotischer. Man kannte sie und kannte sie doch nicht. Sie schien diesen Widerspruch auflösen zu wollen, als sie sich entschleiern ließ: In dem Film „Neonstadt“, einer Collage von Filmdebüts einiger Münchner Filmhochschulabsolventen, sah man sie in einer kleinen Nebenrolle. So sieht das kleine Früchten also aus, mag mancher Voyeur im Zuschauerraum gedacht haben, und: Mein Gott, so kindlich noch, der mögliche Stoßseufzer einer um ihre Kinder besorgten Mutter. Dann nahm sie in Amerika eine Platte auf, die, nicht ohne Ironie, „Gesundheit“ heißt. Das Plattencover wirbt mit ihrem Signet Christiane F., und auch hier ist sie in voller Größe zu sehen. Sie selbst will mit ihrer Vergangenheit „nichts mehr zu tun haben“; sie kann sich „kaum noch erinnern, wie das damals in Berlin war“. („Was soll ich sagen? Das muß man alles selber erlebt haben, um so etwas wirklich zu verstehen.“)

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