Film: Christian Schochers „Reisender Krieger“Verschlagensein in der Verzweiflung

von Karsten Witte

In der Schule wurde er gefragt, was er einmal werden wolle. Neugieriger, sagte er, oder Reisender. Die Antwort, die einer der Helden in „Jules und Jim“ seinem Lehrer gab, benennt in diesem Einzelwunsch einen Mythos des modernen Kinos. Die Neugier und das Reisen sind verschwistert. Im Voyageur steckt schon ein Voyeur, dessen Trieb die Erfahrung befördert. „Du hast schöne Augen“, sagt eine Frau in einer Bar, die den Reisenden Krieger näher kennenlernen will, um doch wieder Abstand von ihm zu nehmen. Von weitem sähe er besser aus, dieser traurige Vertreter von Kosmetikartikeln der Firma „Blue Eye“. Krieger ist sein Name, einfach Krieger, ohne Vorname. Er vertreibt Lidschatten in Frisiersalons der deutschsprachigen Schweiz. Montags verläßt er seine „Wohninsel Weberhütte“ und freitags fährt er in der Tiefgarage dort wieder ein; fraglich, ob das eine Heimkehr ist.

Der Titel dieses Films klingt wie eine Sage des Altertums und ist dennoch ganz auf Gegenwärtigkeit, bezogen. Krieger ist ein Name, Reisen ein Beruf; nicht mehr, eher weniger. Der Held ein Mann, der seine besten Jahre schön entschwinden sieht. Den mythologischen Beiklang mag man sich verdeutlichen, wenn man ein Hauptwerk der literarischen Neuen Sachlichkeit zu diesem Film stellt: „Reisende Geier.“ Dieser Roman der Marieluise Fleißer heißt so natürlich nicht, sondern „Mehlreisende Frieda Geier“..

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Krieger verläßt seine Wohninsel recht früh, um die Kundschaft abzuklappern. Eine Ausfahrt in die Fremde, die für lange Zeit vom Innenraum des Autos her gesehen und verfolgt wird. Die Kamera erzählt ihre eigene Fahrt und läßt sich vorläufig von Geschichten dabei ungern unterbrechen. Dann betritt der Reisende eine Anzahl von Salons, um ein neues Parfüm anzubieten. Wir lernen schüchterne Schritte an den Orten der Ortlosigkeit, je länger wir Kriegers Weg durch Landstraßen, Läden, Imbißhallen, Berghütten, durch Bahnhöfe und Schneefelder, durch die Stummheit und schließlich aufbrechende Gespräche begleiten.

Kein Ort nirgends. Krieger ist ein gemachter Mann. Was er sieht, bewegt ihn kaum;, wen er trifft, verändert ihn nicht. Krieger, der Held mit dem abgewrackten Charme, dem feschen Staubmantel und den mustergültigen Manieren, ist ein Held der Unauffälligkeit. Ein leidenschaftsloser, ein Indifferenter, ein Funktionsträger der amerikanischen Schönheitsindustrie.

Dieser Film ist von einer schleichenden Faszination. Anfangs fragt man sich, wohin die Reise führen soll. Bald schon ist man verführt und kann sich am Reichtum dieser Bilder nicht sattsehen. Das ist kein Faltprospekt der aufgeschönten Panoramen wie in Alain Tanners „Messidor“, der die Falltüren in seiner Schönheit gleich immer mit einzeichnete. „Reisender Krieger“ ist eine Einladung ins Ungewisse, das sich im Verlauf der Filmzeit, als eine Haltung anbietet, in der es sich überleben läßt. Krieger ist auch einer, der in heikle Situationen listig hineingeht und sie gewitzt verläßt.

Diese Fahrt liegt einer Lustpartie näher als der Geisterbahn. Kaum nimmt Krieger Platz an einem Tisch, gesellen sich ihm Hergelaufene zu und verwickeln ihn in Männerspiele. Die sind oft verzweifelt komisch, hautnah und sehr schutzbedürftig. Wir sehen Krieger beim Rasieren, Trinken, Schlafen, Fahren zu und ahnen: Jeder Tag, an dem er sich erhebt, hält die gedämpfte Katastrophe des Alltags für ihn bereit. Er ist bloß das Medium, das die Inszenierung auf die Jagd nach dem Zufall schickt, dem sie Form gibt. Die Kamera, die Clemens Klopfenstein, selbst ein filmischer Erforscher der reisenden Bewegung („Geschichte der Nacht“ und „Transes – Reiter auf dem toten Pferd“) führt, drängt sich der Realität nicht auf. Sie schließt sie aber ebenso distanziert wie zärtlich in ihre Bilder ein. Da gibt es keine Hierarchie mehr zwischen Vordergrund und Hintergrund. Hier wird die offene Bewegung in Zwischenräumen wichtig, wofür die Einstellungssequenzen Zeit und Ruhe schaffen.

Unterwegs trifft Krieger auf kuriose Randgestalten, deren Herausforderungen er nur selten annimmt. Einen Ausgeflippten, der partout mit ihm schlafen will, wehrt er ab, erst mit beharrlichen Worten, dann mit brutalen Gesten. Eine freche Friseuse, die sein in Fluchtbewegungen erstarrtes Leben in Frage stellt, verläßt er. Diese moderne Kirke hält die Männer für Schweine. Ihm hat sie, in jeder Beziehung, den Kopf gewaschen, der fortan an Form verliert. Krieger läßt den Berufscharmeur, der allerorten und bei jedem ankommen will und muß, hinter sich. Er vagabundiert.

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.7.1982 Nr. 30
  • Schlagworte Film | Flipper | Fremdenlegion | Schweiz
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