Mit 285 Flüchtlingen an Bord ist die „Cap Anamur“ nach Hamburg zurückgekehrt. Es war die letzte Fahrt des Schiffes, das Menschenleben nicht mehr länger retten darf, weil die Bundesrepublik weiteren Vietnam-Flüchtlingen kein Asyl mehr gewähren will. 22 000 Menschen aus dem südostasiatischen Land seien mehr als genug, heißt es.

Der Enthusiasmus, der noch vor drei Jahren herrschte, ist verflogen. Damals glaubte man, eine Verpflichtung zur Wiedergutmachung zu haben. Wurden die Flüchtlinge, die sich auf winzigen Nußschalen auf die gefahrvolle Fahrt in die Freiheit machten, nicht die „Juden Asiens“ genannt, Menschen, die wegen ihrer Rasse verfolgt wurden?

Inzwischen hat Ernüchterung Platz gegriffen. Vietnam-Flüchtlinge werden als lästig empfunden; sie kosten Geld. Außerdem, so wird behauptet, sind die meisten nicht politisch verfolgt worden. Sie fliehen, weil sie dem Wehrdienst entgehen wollen, oder sie sind Wirtschaftsflüchtlinge. Und damit stehen sie mit den Indern und Pakistanis auf einer Stufe, die täglich ungehindert über den Bahnhof Friedrichstraße nach West-Berlin einreisen.

Die Rettungsfahrten der „Cap Anamur“ sind von Anfang an umstritten gewesen. Vielleicht ist mehr Geld ausgegeben worden als unbedingt notwendig war, vielleicht sind Menschen gerettet worden, die auch anderswo eine sichere Aufnahme gefunden und die spärliche deutsche Quote nicht belastet hätten.

Aber es gibt einen Grund, der das Unternehmen gerechtfertigt hat: Das Schiff hat fast 10 000 Menschen das Leben gerettet. Das zählt. Es waren 10 000 Menschen, die sonst kaum eine Überlebenschance gehabt hätten. Denn 75 Prozent aller Flüchtlingsboote sind allein im letzten Jahr im Golf von Thailand von Piraten überfallen worden, 30 000 Menschen haben vermutlich den Tod gefunden. Und in Zukunft werden noch mehr sterben.

Die Menschen im kommunistischen Südostasien werden nämlich weiter fliehen. Sie wollen in Freiheit leben. Die Bundesrepublik aber scheut sich nicht, 4000 Menschen pro Jahr diese Freiheit vorzuenthalten. Mehr sind es nicht, für die eine Aufnahme garantiert werden mußte. Dann hätte die „Cap Anamur“ weiter fahren können. Sie gezwungen zu haben, die Anker zu werfen, ist kein Ruhmesblatt. (Siehe auch Seite 12). Vy.