Von Heinrich Albertz

Dies kann und soll nicht nur eine Buchbesprechung sein, obwohl ein Buch den entscheidenden Anstoß gab, über das evangelische Pfarrhaus öffentlich nachzudenken.

Martin Greiffenhagen (Hrsg.): „Pfarrerskinder“, Kreuz-Verlag, Stuttgart, 1982; 244 S., 28,– DM.

Denn der Professor für Politikwissenschaft, der zusammen mit seiner Frau über das „schwierige Vaterland“ geschrieben hat – und darin kein Wort über die Kirchen in deutschen Landen verlor-, ist selbst Pfarrerssohn. Der Name seines Vaters ist meiner Theologengeneration wohlvertraut als eines tapferen Mannes in der Bekennenden Kirche. Und vielleicht hängt, dieses seltsame Auslassen der Kirchen in seiner Analyse der gesellschaftlichen Kräfte in der Bundesrepublik Deutschland auf merkwürdige Weise mit seiner Herkunft zusammen.

Hier nun, in diesem Sammelband von fünfzehn Autoren, allesamt in Pfarrhäusern aufgewachsen, hält sich Greiffenhagen nicht mehr bedeckt. Wie die anderen – in einem großen Bogen von Hans Egon Holthusen über den Botschafter Pauls und Johannes Rau zu Heinz-Eduard Tödt – kommt jene seltsam gespaltene Erfahrung zum Zuge, die beides zu berichten weiß: eine unverwechselbare Geborgenheit und ein ständiger Widerspruch gegen die Normen und Wertvorstellungen, die von Altar und Kanzel über den Vater in den Alltag der Familie hineingetragen werden, ja, die unlösbar mit diesem Alltag verbunden sind.

Die Berichte sind sehr differenziert. Ein Botschafter der Bundesrepublik Deutschland und ein Lehrstuhlinhaber an der Universität Heidelberg haben von ihrer Gegenwart her andere Erinnerungen als etwa die schreibenden Frauen. Aber in einem sind alle einig: Es gibt dies nirgendwo sonst, diese Verbindung zwischen Beruf und Familie als eine Verbindung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Sonntag und Wochentagen, zwischen dem geglaubten oder bestrittenen Gott und den Menschen. Es gibt Bauernhäuser und Arzthaushalte, in denen Arbeit und Freizeit unter einem Dach wohnen. Aber nirgendwo sonst ‚ übt der Vater seinen Beruf expressis verbis „im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes“ aus. Derselbe Vater, den die Kinder in all seiner Unzulänglichkeit vom Frühstück bis zum Schlafengehen – also auch „in Unterhosen“ – kennen. Nirgendwo sonst werden Worte und Taten, Glauben und Leben in ihren Widersprüchen so genau beobachtet, so unbarmherzig offengelegt wie in der protestantischen Pfarrersfamilie.

Das wird in allen Facetten deutlich, führt bei einigen der Berichtenden, die sehr offen und ehrlich sind, zu fast neurotischen Reaktionen. Eine, die letzte, Autorin schreibt ihren selbstquälerischen Bericht anonym. Also nichts von Geborgenheit? Nichts von der Quellstube der Nation, die seit Luthers Zeiten den deutschen Himmel der Dichter und Denker ziert? Greiffenhagen legt die – sicher unvollständige – Liste vor. Sie ist schon eindrucksvoll. Aber ich fürchte, sie wird bald geschlossen werden müssen.