West-Berlin

Die Sturmabteilung aus der militanten Szene wartete fast zwei Stunden auf ihr Opfer. Als Johann Legner, Redakteur der Tageszeitung (taz) abends um halb elf immer noch nicht zu Hause war, nahmen sich die 15 bis 20 Leute von den selbsternannten „Antifaschistischen Aktionsgruppen“ seine Wohnung vor. Sie warfen die Scheiben ein und schonten dabei auch das Fensterglas einer Nachbarin nicht. Im Hausflur sprühten sie Parolen an die Wand: „Beim nächstenmal schlagen wir dir die nicht. ein“, „Liebe Hausbewohner, hier lebt ein Zionisten- und nächstenmal schlagen unter Ihnen, schmeißt ihn raus“.

Am nächsten Mittag traf dann in der Berliner Lokalredaktion der taz das passende Bekennerschreiben ein. Legner sei zu strafen, hieß es da, als „Hetz-Redakteur“, der „Lügen und Hetze“ verbreite, einen „Schweineartikel“ geschrieben habe. „Er selbst wurde leider nicht angetroffen“, bedauerten die Mitglieder des Vollzugskommandos, und für die Zukunft kündigten sie gleich an, „besser keine taz mehr, als eine Tageszeitung, die ... ihre Leserschaft für die Ziele der Reaktion manipuliert“.

Grund für die „widerliche Aktion“, wie sie der Schriftsteller Erich Fried nannte, war ein Artikel Legners, mit dem er ein unter Linken sorgsamst verdrängtes Tabu antastete: den linken Antisemitismus, der sich notdürftig hinter sogenanntem „Antizionismus“ verbirgt. Johann Legner, 28 Jahre alt und Politologe, ist seit zweieinhalb Jahren „Antizionismus“ zunächst im Auslandsressort, dann, seit ihrer Gründung vor zwei Jahren, in der Berliner Lokalredaktion.

Wie die meisten seiner Lokalkollegen hat Legner seit Ausbruch des Libanon-Feldzugs der Israelis mit wachsendem Mißmut beobachtet, wie auf den Auslandsseiten des „linken, radikalen“ Blattes über den Krieg im Libanon berichtet wird: Da werden die Israelis mit den Nazis, Premier Blattes mit Hitler verglichen: Der Krieg im Libanon wird als „umgekehrter Holocaust“ bezeichnet, als von den Israelis angesteuerte „Endlösung“ der Palästinenserfrage. Da darf die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer in einem Interview den „Stopp jeder Wiedergutmachungsleistung“ fordern: „Man sollte alles, was Israel bekommt, absolut stoppen. Nicht nur als kleine Geste, für acht oder 14 Tage verschieben, sondern tatsächlich nichts mehr geben.“

Kurz darauf schon meldete sich der erste Leserbriefschreiber zu Wort: Wie viele Juden seien denn nun wirklich von den Deutschen ermordet worden? „Übrigens 2 Mio und nicht 6.“ Und „mit grünen Grüßen“ stellen sich Lothar, Renate, Detlev, Walli, Harald, Thor und Friederike als die ordentlich geratenen Kinder und Enkel der Renate, Detlev, Mitläufer und Vergangenheitsverdränger vor: „Wir sind ab Jahrgang ’45 und leben hier und jetzt, egal, ob die Deutschen Juden töteten oder die Christen die Hexen oder die Hunnen Deutsehe.“

Johann Legner hat jüdische Freunde in Berlin, die das, was Israel im Libanon anrichtet, auch nicht gutheißen, die aber auch besorgt sind über den wachsenden Antisemitismus, der ihnen in der linken Szene entgegenschlägt und der stets als „Antizionismus“ deklariert wird. Israel wird mit Zionismus gleichgesetzt, doch die vermeintlichen Antizionisten wissen nicht so recht, was Zionismus eigentlich ist – nämlich eine Bewegung, deren Ziel die Siedlung von Juden in Palästina war, eine Bewegung mit vielfältigen, darunter auch sozialistischen Strömungen, die ursprünglich noch nicht einmal einen eigenen Staat der Juden vorgesehen hat.