Von Claudia Sautter

Ich kenne einen, der sich zweimal im Jahr vorsätzlich betrinkt: Wenn sein Wohnzimmer durch dumpf dröhnende Bässe Wohnzimmer briert und auch sein Schlafzimmer keine Zuflucht vor den unerbittlichen Geräuschfetzen bietet; dann greift er resigniert zur Flasche. Es ist eine Rockpalast-Nacht, gegen die er antrinken muß. Um seine Wohnung herum haben Rockfans die Macht ergriffen, von 23 Uhr bis vier Uhr morgens, und da hilft kein Klopfen mit dem Besenstil: „Keep on rockin’, baby, oder besauf dich eben“, würde ihm entgegengebrüllt, „denn das ist ein Rockpalast-Festival.“

Aus der Glotze brüllt Rockmusik, die das deutsche Fernsehen, an zwei Samstagen im Jahr, live per Eurovision aus der Essener Gruga-Halle in mindestens zehn Millionen europäische Haushalte überträgt, und damit der Sound auch höchsten Ansprüchen genügt, senden die dritten Hörfunkprogramme in Stereo gleichzeitig mit. Vor den Fernsehern Europas lagern Jugendliche aller Länder, die die Festivalnächte zum Anlaß für Partys nehmen; Freunde kommen zu Besuch, meist mit Schlafsäcken, Joints und Weinflaschen kreisen, die lästigen Eltern sind endlich einmal ohnmächtig (es gibt keine elterlichen Argumente gegen Rockpaläste), und wer um ein Uhr mal einnickt, der kann um vier Uhr voll weitermachen, dann röhrt immer noch irgendein E-Baß, und spätestens beim Schlagzeugsolo klingelt’s auch dem hartnäckigsten Schläfer in den Ohren. In der Essener Gruga-Halle schwitzen unterdessen die 8000 glücklichen Fans, die Luft ist zum Schneiden dick, in den Strahlen der Spotlights ziehen Rauchschwaden, und vier Stunden lang sind die dem Rock Hingegebenen in einen Kokon von Tönen eingesponnen. Denn auch in den Umbaupausen für die Gruppen laufen Bänder mit Rockmusik von den Monitoren, die Moderatoren plaudern in Interviewfetzen mit den Musikern: Rock total, und alle finden’s „tierisch geil“. Morgens um fünf drängen graue übernächtigte Gesichter ins Freie.

Die Leute, die meinem Bekannten diese schlaflosen Nächte und vielen Fans heiße Stimmung bereiten, sitzen in Köln beim WDR. Zwei Rockbeseelte, die die Sendungen planen und produzieren: Christian Wagner, verantwortlich für die Regie der acht Kameras, und Redakteur Peter Rüchel, zuständig für das Management und die Vorbereitung der Rockpalast-Nächte. Es gibt den „Rockpalast“ nicht nur zweimal im Jahr: Der WDR sendet jeden Samstag von 23 bis 24 Uhr im dritten Fernseh- und Hörfunkprogramm jeweils eine Stunde den „normalen“ Rockpalast, der dann am Sonntag, in einem halbstündigen Zusammenschnitt, wiederholt wird.

In diesen wöchentlichen Sendungen wird immer nur eine Rockgruppe vorgestellt, während auf den zwei Festivals in der Gruga-Halle jeweils drei Gruppen spielen. „In dieser einen Stunde wollen wir nur eine Band haben, das ist dann konzentrierter, und man kann eine Gruppe auch wirklich ausführlich präsentieren“, meint Christian Wagner. Die normalen Rockpalast-Sendungen produziert der WDR seit 1974, und um immer wieder Gruppen für einen Auftritt engagieren zu können, fährt Christian Wagner im Jahr bis zu 60 000 Kilometer. Auf diese Weise hat er in den letzten acht Jahren 210 Rockgruppen für seinen „Palast“ gebucht.

Die Idee mit den Festivals wurde später geboren, im Frühjahr 1977, während einer langen Nacht in der Redaktion, „bei einer guten Flasche Rotwein“, erzählt Christian Wagner. Damals suchte die ARD eine Programmbrücke zu einer ihrer nächtlichen Boxkampfübertragungen. „Da wäre eine musikalische Live-Show doch mal attraktiver als die üblichen Spielfilmkonserven“, überlegten Rüchel und Wagner und trugen die Idee ihrem Hauptabteilungsleiter vor. Der reagierte überraschend positiv, und als auch Femsehdirektor Höfer sein Einverständnis gab, konnte Rüchel mit der Realisierung des Projekts beginnen.

Natürlich wollte er mit einem Knüller starten und griff gleich ganz hoch: Er versuchte, John Lennon und die Beach Boys nach Deutschland zu holen, aber beide zeigten kein Interesse. Immerhin gewann er den britischen Top-Star Rory Gallagher, und aus den USA holte er Little Feat und den legendären Roger McGiunn mit Thunderbird. Am 23. Juli 1977 „stand“ das erste Rockpalast-Festival, und obwohl die ARD nicht, wie ursprünglich geplant, einen Boxkampf mit Muhammad Ali übertrug, sendete sie, mit Hörfunk gekoppelt, von 23 Uhr bis zum frühen Morgen Rockmusik: ein Novum in der Geschichte des deutschen Fernsehens, und begeisterte Zuschauer dankten es mit enthusiastischen Zuschriften.