ARD, Sonntag, 15. August: „Unter deutschen Dächern – Die kleine Freiheit“, von Dieter Köster.

Statt des üblichen Guten Abend, meine Damen und Herren sagte die Ansagerin Hallo, liebe Zuschauer. Es war wohl kumpelhaft gemeint, ein bißchen jugendlich und feriengemäß: Auf geht’s, Sportsfreunde, hier ist euer liebes Radio Bremen, und das wird euch gleich auf einen Campingplatz führen. Und da werdet ihr staunen, wie lustig das zugeht, bei uns an der Nordsee.

Und siehe da, er staunte tatsächlich, der Betrachter am Bildschirm, staunte über die tausend Stellplätze und die drangvolle Enge zwischen Beton und Morast, staunte über das Ferienidyll mit Düsenjägern und Schornsteinen, staunte über die Verbotsschilder ringsum (Hunde nur durch Kasse 2. Leinenzwang), staunte, über das ausgetüftelte Reglement, das sich die Lagerverwaltung hatte einfallen lassen – pardon, die Platzmeisterei! –, staunte über die Reden des Wachpersonals (Hier muß Ruhe und Ordnung herrschen), staunte über die Gelassenheit und freundliche Geduld, mit der altgediente Dauercampei den großen Stumpfsinn ertrugen, das Einerlei auf winzigem Raum, staunte über die Rede des Animateurs vom Dienst, eines duzfrohen Vermieters (Siehst du, da steht der Femseher), staunte über die Alkoholika, mit deren Hilfe die Eingepferchten gegen die Nässe antranken, staunte über die Liedertexte („Und wenn sie duhn sind, dann gehen sie schlafen. Und wenn sie schlafen gehen, dann sind sie duhn“) und staunte am meisten darüber, mit welchem Frohmut manche Befragte im Angesicht von so viel Vorschrift, Disziplinierung und minuziös zu befolgendem Plan die Freiheit priesen, die im Reich der Camper regiere.

Ein bitterböser, ja sarkastischer Film: Der Pferch wurde gezeigt, der eher an ein Reichsarbeitsdienst-Lager als an eine friedliche Laubenpieper-Kolonie erinnerte; Urlaub nach Vorschrift hieß die Devise – ein Hauch von Sartre über einer tristen Zelt- und Wohnwagen- und Wasser- und Steinszenerie. Viel Schnaps und Schlamm – und damit kontrastiert die Reden über Selbstbestimmung und Freizügigkeit. Wirklichkeit und Ideologie: Bilder straften die Worte Lügen; Schnappschüsse gaben die gestanzten Sätze der Lächerlichkeit preis.

Der Campingplatz, eine bundesrepublikanische Hölle, in der gemütlich redende Worte und Wörter ihr demokratisches Stillgestanden entbieten und sympathische Gäste, die Dauercamper voran, sich freudig ins Verordnete fügen, weil Gemeinnutz nun einmal vor Eigennutz geht? Nun, ich bin sicher, man hätte über die kleine Camperfreiheit auch einen ganz anderen Film drehen können als diese Dokumentation à la Sartre. Drei oder vier Bodenseeveteranen, beim Winterfestmachen ihres Wohnwagens, Kumpel, irgendwo am Meer oder an einem Flußlauf, die die Einsamkeit lieben, aufs Do-it-yourself versessene Gestalten beim kollegialen Zurren und Pflöcken und Hämmern am Freitagabend, weit, weit entfernt vom Massenbetrieb der sogenannten Saison – die hätten eine Geschichte erzählen können, die mit der Schreckenswelt von Schillig, so wie sie sich im Film präsentierte, wenig gemein hat.

Autor Dieter Köster von Radio Bremen wird viel Post bekommen: Die Wirklichkeit, darf man hier sagen, ist anders, auch in Schillig, wenn die Sonne scheint. Der hat uns geleimt, werden sie schreiben, die Dauercamper, wir sind ganz schön verarscht.

Der Zuschauer, der, dank mangelnder Sachkenntnis, dies nicht beurteilen kann: beeindruckt von der Kösterschen Schreckensdarstellung, aber trotzdem sehr wohl in der Lage, sich auch andere Szenerien als die gezeigten vorzustellen, hält sich heraus, wäre allerdings dankbar, zu Beginn des Abendprogramms künftig nicht mit Hallo angeredet zu werden – mag danach folgen, was will. Momos