Am 20. Juli erklärte die hessische Landesregierung Frankenberg zum Standort für eine Wiederaufarbeitungsanlage. Seither hat sich das Leben in diesem nordhessischen Städtchen sehr verändert. Brave Bürger demonstrieren, Polizisten fordern Verstärkung für ihre neue „Präventiv- und Observationstätigkeit“. Die Rathaus-Parteien kennen den Sieger der nächsten Wahlen: die Grünen.

Von Christiane Kohl

Frankenberg

Wenn Polizeihauptmeister Walter Sauerbrei auf Streife ging, verstaute er immer sein Frühstücksbrot in der Pistolentasche. Seine ganze lange Dienstzeit fiel das nicht auf, der gemütliche Dicke brauchte die Waffe nie. Kurz vor seiner Pensionierung kam die Sache dann doch heraus. Bei einem Appell sollte Sauerbrei die Pistole ziehen, aber wie üblich hatte er bloß das zweite Frühstück am Koppel. Der Polizist bekam einen dienstlichen Verweis und wurde vorzeitig in Rente geschickt.

Vor einigen Wochen starb Walter Sauerbrei. Seine Polizistenkollegen fordern nun Verstärkung im Amt. Nicht weil ihnen Sauerbrei so sehr fehlt, sondern wegen der Wiederaufarbeitungsanlage. Denn seit die Wiesbadener Landesregierung das nordhessische Städtchen Frankenberg am 20. Juli zum Standort für eine Nuklearfabrik erklärte, fühlen sich die 43 Ordnungshüter völlig überlastet.

350 Tonnen Uran jährlich sollen auf einem vom Kabinett Börner ausgewählten 120 Hektar großen Waldstück nahe beim Frankenberger Stadtteil Wangershausen dereinst verarbeitet werden. Die Baukosten der Anlage, die 1600 Arbeitsplätze bieten soll, werden zur Zeit auf rund zehn Milliarden Mark geschätzt. Für Mitte der 90er Jahre ist der erste Probelauf geplant – vorausgesetzt, alles läuft nach Plan und die Endlagerung der Kernabfälle ist gesichert.

Noch ist es ganz beschaulich in dem idyllischen Wangershäuser Goldbachtal. Keiner Tanne wurde bisher ein Ast gekrümmt. Nur eben die Polizisten haben alle Hände voll zu tun. Fast stündlich rollt ein Streifenwagen das Tal hinunter und wieder herauf, derweil gilt es in Frankenberg, den neuerdings überall auftauchenden Schmierern das Handwerk zu legen. Und am Abend schauen die Kollegen jetzt häufiger beim Privathaus des Herrn Bürgermeisters vorbei.