Warum die Liberalen so sind, wie sie sind

Von Hermann Rudolph

Mehrheitsbeschaffer, Steigbügelhalter, Zünglein-an-der-Waage-Partei: Über einen Mangel an polemischen Etikettierungen hat sich die FDP nie zu beklagen gehabt. Sie scheinen ihr geradezu nachzulaufen, sich fest an ihre Fährte zu heften und sind dann offenbar durch keine Anstrengung mehr abzuschütteln – bis hin zu jenem schwäbischen Kraftwort vom „Waagscheißerle“, das seinerzeit Reinhold Maier, Säule des badenwürttembergischen Nachkriegs-Liberalismus, seiner Partei aufgedrückt hat. Und alle beziehen sich auf das eine: daß die FDP das, was sie ausmacht, nicht so sehr durch sich selbst als durch ihre Funktion im Parteiengefüge sei.

Seit dem 17. September 1982 vermag sie solchen Charakterisierungen erst recht nicht mehr zu entkommen. Denn mit ihrem Auszug aus der sozialliberalen Koalition hat sie in dramatischer Weise Gebrauch gemacht von der Möglichkeit, die ihr diese Funktion gegenüber den beiden großen Parteien einräumt: zu bestimmen, wer in der Bundesrepublik regieren soll. Die kleinste der drei etablierten Parteien ist mit ihrem Leichtgewicht dabei, jene parteipolitische Konstellation auszuhebeln, die seit 1969 die deutsche Politik bestimmt hat – allen Anstürmen und Geländegewinnen der Union zum Trotz.

Wechsel ohne Zwischenstation

Noch nie ist die besondere Rolle der FDP in der Parteien -Landschaft der Bundesrepublik so nachdrücklich aktualisiert worden. Denn bei der Bildung der sozial-liberalen Koalition im Herbst 1969 wurde die Umkehr der Allianzen durch das Zwischenspiel der Größen Koalition noch gleichsam zeitlich gestreckt, ihr Risiko entschärft. Andere von der FDP eingeleitete Wechsel – der Sturz der Regierung Arnold durch die Düsseldorfer „Jungtürken“ 1956, auch die handstreichartige Übernahme der ersten baden-württembergischen Regierung durch Reinhold Maier gegen die CDU 1952 – fanden in Situationen statt, die mit der Gegenwart nicht zu vergleichen sind. Was die FDP gegenwärtig probt, ist in der Tat eine Premiere in der Geschichte der Bundesrepublik: ein fliegender Wechsel von einer zur anderen Koalition, ohne Zwischenstation, ohne Verschnauf- oder Umstellungspause.

Kaum je ist denn auch das Bild der Partei – das freilich ohnedies nie sehr eindeutig war – so doppelgesichtig erschienen wie jetzt. Ist die FDP, wie ihr Vorsitzender versichert, die Kraft, die ihre Position nutzt, um durch den Partner-Wechsel die „Wende“ zu schaffen, die not tut – die Öffnung hin zu neuen zeitgemäßen Problemlösungen und zukunftsträchtigen Mehrheiten? Oder ist sie einfach nur ein unsicherer Kantonist – jene „Umfaller-Partei“, die die Öffentlichkeit nach der Zustimmung zu Adenauers erneuter Kanzlerschaft 1961 in ihr entdeckte, die „Pendler-Partei“, als die sie Herbert Wehner gebrandmarkt hat, das sichere Depot eines „Opportunismus“, auf den Verlaß ist, das Franz Josef Strauß in ihr sieht?