Selten zuvor ist den Menschen so viel zugemutet worden.

In seinem 1798 anonym veröffentlichten Essay on Population (Das Bevölkerungsgesetz) beschrieb Thomas Robert Malthus den steten Drang des Menschengeschlechts, sich über die vorhandenen Unterhaltsmittel hinaus zu vermehren. Darin sah er ein allgemeines Gesetz der Natur. Warum sollte sich ändern? Der Mensch war träge, faul und der Arbeit abhold – erst die Not zwang ihn dazu, sich zu zivilisieren, Not und Leid waren daher unabdingbar, um dem homo sapiens, der so weise nicht war, zu Empfindung und Menschlichkeit zu verhelfen; sittliche Übel waren notwendig, um sittliche Vorzüge entstehen zu lassen. „Das Übel gibt es in der Welt, nicht um Verzweiflung hervorzurufen, sondern Tätigkeit. Wir brauchen uns ihm nicht geduldig zu unterwerfen, sondern wir müssen uns anstrengen, um es zu meiden“ – so predigte der Pfarrer Malthus, Inhaber des ersten Lehrstuhls für Politische Ökonomie in England.

Marx und Engels, die sich die Kritik der Politischen Ökonomie zu ihrer Lebensaufgabe erkoren hatten, haßten Malthus – auch wenn sie ihm „ein gewisses theoretisches Spintisierinteresse“ nicht absprachen. Eine „Sensationalschrift“ nannte Marx den Essay, und das war die treffende Charakteristik für ein Buch, das fünf Jahre nach seinem Erscheinen bereits 20 Gegenschriften provoziert hatte. Ein Plagiat von Anfang zu Ende, wie Marx weiter behauptete, war Malthus’ Schrift aber keineswegs.

Ende des 18. Jahrhunderts gab es auf die drängenden Fragen der Bevölkerungsentwicklung vielfältige und einander widersprechende Antworten. Die optimistische Bevölkerungstheorie des Merkantilismus, die in der großen Menschenzahl eines Landes einen Indikator seines Reichtums sah, war keineswegs widerlegt. Andererseits machte sich Skepsis breit, ob die Nahrungsmittel der Erde tatsächlich ausreichten, um die Massen der Zukunft zu ernähren. Diese Skepsis teilte Malthus. Als er die erste Fassung des Essay publizierte, war der anfängliche Enthusiasmus für die politisch-sozialen Programme der Französischen Revolution auch bei ihren Anhängern geschwunden. Nicht ohne eine gewisse trockene Feierlichkeit riet Malthus, das Menschenmögliche nicht allzuhoch zu veranschlagen. Es gab viele Leser, die einen solchen Realismus begeistert zur Kenntnis nahmen.

Malthus’ Originalität hielt sich in Grenzen. Seine Wirkung verdankte er nicht zuletzt der Griffigkeit, mit welcher er bekannte Problemstellungen in Formeln brachte: die Bevölkerung wuchs in geometrischer Progression (2, 4, 8, 16...), während die Nahrungsmittel nur in arithmetischer Reihe zunahmen (2, 4, 6, 8...). Der immer drohenden Überbevölkerung wirkten vorbeugende und nachwirkende Hemmnisse entgegen. Die preventive checks bestanden vor allem im Hinauszögern der Ehe, die positive checks erfolgten durch jene Faktoren, die die Bevölkerungszahl in Grenzen hielten: Katastrophen, Hungersnöte und eine hohe Kindersterblichkeit der unteren Klassen zählten dazu.

Vom menschlichen Leben machte Malthus sich ein melancholisches Bild. Wie Godwin und Condorcet wollte er an die Vervollkommnungsfähigkeit von Mensch und Gesellschaft glauben, doch sah er überall Hindernisse zu ihrer Verwirklichung. Malthus begnügte sich aber keineswegs damit, nur über die „kräftige Dosis allzu bitterer Ingredienzen im Becher des Menschenlebens“ zu lamentieren. Seine Geschichtsphilosophie war handfest; sie verfolgte politische Ziele. Es gab keinen entschiedeneren Gegner der englischen Armengesetzgebung als Malthus. Seiner Auffassung nach brachte sie die Armen, zu deren Unterhalt sie beschlossen worden war, überhaupt erst hervor. Die Armengesetze regten das Bevölkerungswachstum an, ohne die notwendigen Mittel zum Unterhalt der Bevölkerung bereitzustellen. Es waren solche Gedanken, die Malthus wütenden Widersprach eintrugen – Marx sprach von der „Apologie des Elends der Arbeiterklassen“, die hier propagiert werde.

Viele Kritiker von Malthus begingen einen Fehler, der bei unsympathischen Autoren ocer Büchern nur allzu schnell unterläuft: sie hielten seine Ansichten für verwerflich und deshalb seine Analysen für falsch und seine Methoden für sinpel. Doch so einfach war Malthus nicht zu kritisieren; der Pfarrer war weniger einfältig, als er selbst seine Leser glauben machen wollte. Malthus war Anhänger einer Art von Sozialbiologie – nicht umsonst haben sich Wallace wie Darwin geradezu enthusiastisch auf ihn berufen aber er sah gleichzeitig sehr deutlich, daß die Menschen und ihr Zusammenleben in der Gesellschaft nicht ausschließlich nach dem Muster von Naturvorgängen analysiert werden konnten. Die Überbevölkerung war auch ein kulturelles Problem. Sie hing mit Fragen des Lebensstandards und mit Verhaltenserwartungen zusammen, die auf der Erde stark variierten. Malthus war von der Ungleichzeitigkeit der Lebenslagen fasziniert; die einen Chinesen zu seiner Zeit froh sein ließen, irgendwelche verfaulten Abfälle zu ergattern, auf deren Genuß europäische Arbeiter verzichten oder lieber hungern würden“.