Von Rolf Schneider

Im Jahre 1955 wurde ich, eben dem germanistischen Studium entronnen, festangestellter Mitarbeiter der monatlich gedruckten Kulturrevue „Aufbau“. Sie erschien in dem Verlag gleichen Namens, welcher sich in jener Drittelstadt befand, die damals noch Demokratischer Sektor, bald darauf jedoch Berlin, Hauptstadt der DDR hieß, und so heißt sie bis heute. Mein Chef wurde Bodo Uhse, ein zu jener Zeit angesehener Schriftsteller. 1948 aus der mexikanischen Emigration zurückgekehrt, hatte er den „Aufbau“ aus den Händen eines Mannes übernommen, der heute in der DDR als Staatssekretär für Kirchenfragen amtiert.

Bodo Uhse erwies sich als ein freundlicher Mensch mit offensichtlich unverlierbaren Bohème-Manieren. Manchmal mußte ich ihn in seiner Wohnung aufsuchen, um dort – er saß mir unrasiert gegenüber und besprühte den Kragen seines Bademantels mit Zigarettenasche – die dringlichsten redaktionellen Arbeiten vorantreiben zu können. Die Wohnung war eine weitläufige Villa im Berliner Stadtteil Niederschönhausen, und ich lernte bei solcher Gelegenheit Bodo Uhses Frau Alma kennen, eine etwas exzentrische Person von fremdländischem Äußeren. Manchmal trat auch ein Jüngling auf, der mir als Uhses Stiefsohn präsentiert wurde. Ich erinnere mich seiner als lang und dünn, mit großen Ohren sowie einer aus Verschlafenheit und Snobismus fein gemischten Attitüde.

Hiermit ist das Hauptpersonal eines Buches vorgestellt, dessen Verfasser der Letztbeschriebene ist:

Joel Agee: „Zwölf Jahre. Eine Jugend in Ostdeutschland“; aus dem Amerikanischen von Joel Agee; Carl Hanser Verlag, München 1982; 327 S., 34,– DM.

Joel Agee ist der leibliche Sohn eines amerikanischen Schriftstellers; er wurde in den Staaten geboren, wuchs in Mexiko auf, da seine Mutter inzwischen Bodo Uhse geehelicht hatte; der Autor war eben acht Jahre alt, als die Uhses nach Europa gingen. Bodo Uhse kam zu literarischen Ehren in der DDR mit Büchern, die nicht seine besten sind; seine Familie lebte erst in einem Wohndorf nahe Potsdam, später in Niederschönhausen. Der junge Joel, anfangs gehätschelt und privilegiert wegen der besonderen Existenz seines Stiefvaters, sollte in das DDR-Bildungssystem integriert werden, welches ihn aber wegen unbesiegbarer Anpassungsschwierigkeiten wieder von sich stieß; zuletzt arbeitete er auf einer Rostocker Werft. Inzwischen war die Ehe der Uhses gescheitert; Frau Alma kehrte mit ihren beiden Sonnen in die Vereinigten Staaten von Amerika zurück.

Dort hat nach mehr als zwei Jahrzehnten Joel Agee seine Erinnerungen an jene Ostberliner Jahre zu Papier gebracht, zuerst auf englisch und für ein amerikanisches Publikum, nunmehr, in eigener Übersetzung, auch auf deutsch. Ich habe sein Buch mit großer Sympathie gelesen. Es ist gewiß die eindrucksvollste Autobiographie, die mir seit langem unterkam, auch wenn ich natürlich den Umstand, daß Figuren und Begebnisse meiner eigenen Biographie darin wiederkehren und von daher ein besonderes Attachement entstand, weder verdrängen kann noch will.